Das olympische Feuer Ostfrieslands: Klinker aus dem Ringofen von Nenndorf

Mittendrin im flachen Ostfriesland steht ein echtes Unikat: der einzige Ringofen Europas, der mit Torf befeuert wird, und der noch in Betrieb ist. Im kleinen Nenndorf bei Westerholt erhebt sich ganz am Ortsrand ein langer Schornstein aus der Ebene. Er weist schon von Weitem den Weg in diese einmalige Ziegelei, die unter Architekten einen legendären Ruf genießt. Werden hier doch Backsteine gebrannt, die durch ihr Flammenspiel und die enorme Hitze des Ofens sehr markante und ausdrucksstarke Formen, Farben und Oberflächen liefern. Hier entstehen in aufwändiger Handarbeit kostbare Einzelstücke, fern von der Austauschbarkeit industrieller Serienfertigung. Der Wittmunder Architektur Torfbrand-Klinker wird auch von den Vertretern der neuen Backstein-Moderne hoch geschätzt. Die Referenzliste in Europa und Deutschland ist groß. Der echte ostfriesische Torfbrand-Klinker gibt unzähligen Fassaden bis heute ihren unverwechselbaren Charakter, etwa einem Hochhaus am Potsdamer Platz in Berlin, einem Museum in Köln, einer Schule in Hamburg oder einem Wohnhaus in Wiesbaden.

So einmalig wie das Produkt ist aber auch der Ort ihrer Fertigung. Denn sie kommen alle aus einem Ofen, dessen Flamme seit 1904 – fast – durchgehend brennt. Die Ofenröhre ist zirka zwei Meter hoch und unglaubliche 40 Meter lang. Sie schließt sich zu einem ovalen Kreis, dem sogenannten Hoffmannschen Ringofen. Der ist eine Erfindung aus dem Jahre 1859 eines gewissen Herrn Friedrich Eduard Hoffmann und erlaubt es der Nenndorfer Ziegelei heute 140.000 Backsteine innerhalb von zwei Wochen zu produzieren. Denn genau soviel fassen die 18 Brennkammern des Ofens und genau solange dauert es, bis das Feuer im Ofen einmal die Runde gemacht hat. Denn das Feuer wandert gewissermaßen durch den Ring und durch die Brennkammern, die unabhängig voneinander befeuert werden können: Nach dem Brennvorgang lässt man in einer Kammer das Feuer verlöschen, und die nächste Kammer wird mit Brennstoff beschickt. Dadurch wandert das Feuer einmal um das Oval wie es hier am Beispiel eines anderen Ringofens zu sehen ist:

Ringbrandofen Zeichnung
A – Frischluft | B – Ofentür | C – Abgebrannter Einsatz | D1 – Vorfeuer | D2 – Hauptfeuer | D3 – Nachfeuer | E – Brennloch | F – Rauchabzug | G – Abzugsventil | H – Schornstein | I – Papierschieber | J – Stapelung d. Rohlinge | K – Abtransport der Steine | L – Wanderung des Feuers | M – Rauchkanal

Ein Ofen, oval wie ein Stadion, ein Feuer, das ewig brennt – der Backsteinbrand im Ringofen hat was von Olympia, er ist jedenfalls eine ganz spezielle Disziplin Ostfrieslands. Das historische Klinkerwerk, das sich seit der Gründung im Besitz der Familie Kaufmann befindet, hat aber noch eine weitere Besonderheit: es wird mit Torf als Brennstoff beheizt. Und das ist einmalig in Europa, das gibt es nur noch im ostfriesischen Nenndorf zu sehen.

Auf dem Ofen mit Schubkarre

Dazu muss man dem Ofen erst mal auf’s Dach steigen. Die Symbiose von Lehm und Feuer zieht im Ringofen zwar zu ebener Erde ihre Bahnen, doch der Brennstoff kommt von oben. Auch der Torf von Nenndorf befindet sich dort. Er wird über ein Förderband ins Dachgeschoss transportiert und in großen Haufen unter der Schräge gelagert. Immer entlang des Feuers wird der Torf vom Dachboden durch viele Brennlöcher nach unten in die Brennkammern gelassen. Mit Spaten, Schubkarren und Besen schieben die Brennmeister Torffladen um Torffladen in die runden Röhren. Zu jeder vollen Stunde wird nachgefüllt: Tag und Nacht, ohne Pause. Der Ofen ist immer in Betrieb. Die maximale Temperatur in Nenndorf liegt bei 1.200 Grad, die über mehrere Vorstufen erreicht wird. Wo das Feuer sich gerade befindet, das merkt man auch gleich am Boden unter den Füßen. Dort wo es immer heißer wird, wird gerade gebrannt, an den anderen Stellen wird aufgewärmt oder abgekühlt, eingefüllt oder ausgeräumt. In einem Ringofen ist immer Bewegung.

„Torfbrand-Brenner ist heute kein Ausbildungsberuf mehr“, wie Jörg Ricker, Geschäftsführer des Torfbrand-Klinkerwerks in Nenndorf, Ostfriesland Reloaded erklärt. Daher lernt die Ziegelei ihre Mitarbeiter selbst an. Denn es braucht viel Erfahrung und Wissen um das Material, um diesem alten Handwerk nachzugehen: Die Beschaffenheit des Torfs kann sehr unterschiedlich sein: Je nach Feuchtigkeitsgrad verändert sich auch der Brennprozess. Auch die Be- und Entlüftung der Kammer ist eine Wissenschaft für sich: So erwärmen die gebrannten Ziegel die Zuluft für das Feuer, was diese wiederum schneller abkühlen lässt, während die heißen Abgase die Rohlinge trocknen und vorerhitzen.

Gegenüber der beheizten befinden sich die jeweils kühlsten Kammern. Hier werden die fertigen Ziegel entnommen und die Kammer neu befüllt. Auch die Schichtung der Lehmziegel in den Kammern will gelernt sein, soll an allen Ziegeln Torf und Luft und damit die richtige Temperatur gelangen. Nach zwei Wochen ununterbrochenen Heizens und langsamen Abkühlens im Ofen ist der Backstein dann fertig. Die Brennkammer kann ausgeräumt, die Backsteine auf Rollwagen gestapelt und dann ins Freie gefahren werden.

Das ist alles Handarbeit. Wie auch die Sortierung der Backsteine nach dem Brand. Rotbraun, Hartbraun, Blaubraun oder Blauviolett – da ist farblich viel möglich, auch spezielle Mischungen für Architekten um das Erscheinungsbild im Verbund noch bunter oder rustikaler wirken zu lassen. Wer es noch individueller mag, der kann sich seine Sortierung sogar speziell aus verschiedenen Bränden mischen.

Den Wittmunder Architektur Torfbrand-Klinker gibt es für Fassaden und Innenwände sowie als Pflasterklinker für Boden- und Straßenbeläge. Je länger gebrannt wird, umso dunkler wird der Farbton. Was nicht perfekt aus dem Ofen kommt, wo es beispielsweise Bruch oder ineinander verschmolzene Ziegel gab, das landet bunt durcheinander gewürfelt im Korb mit dem Ausschuss. Nur die Torfbrand-Klinker, die das manuelle und strenge Auswahlverfahren bestanden haben, gehen zum Kunden. In Folie verpackt und auf Paletten gestapelt stehen pro Jahr rund 3 Millionen rote Backsteine im ostfriesischen Nenndorf zum Transport bereit, jeder Einzelne ein Unikat.

Frisch aus dem Ofen ist so ein Backstein wie frisches Brot. Er ist noch warm, er riecht noch brandig und strahlt eine ungeheure Energie aus. Dieser archaische, sehr sinnliche Moment des frisch Gebackenen; dieses ursprüngliche, handgefertigte und auch nachhaltige, weil fast ewig haltbare, Produkt – all das ist es, was einen für diesen am offenen Feuer mit Torf gebrannten Backstein sehr einnimmt. Hat nicht Ostfriesland Reloaded erst im letzten Themenschwerpunkt über „Moore & Torf“ noch geschrieben, wie klimaschädlich Torf ist? Und nun eine Titelstory über einen riesigen Ofen, der ausgerechnet mit Torf befeuert wird …

***


Und noch etwas

Der Ringofen von Nenndorf brannte seit 1904 fast ununterbrochen – bis zur Nacht vom 14. auf den 15. Dezember 2015. In dieser Nacht von Sonntag auf Montagmorgen ging das Gebäude des historischen Ringofens in Flammen auf. Bis heute ist die Ursache ungeklärt. „Vielleicht knabberte ein Nagetier ein Starkstromkabel an und verursachte Funkenflug. Vielleicht war es auch ein technischer Defekt“, so mutmaßt das Klinkerwerk auf seiner Website. Der leicht endzündbare Torf befeuerte noch die Flammen, die schnell lichterloh standen: Zwei Drittel des Industriedenkmals brannten ab. Doch bei aller Tragödie hatte das Unternehmen Glück im Unglück: Der Ringofen war zu retten! Die Produktion stand nur anderthalb Monate still, dann konnte man umgeben von einer Baustelle und unter dem schützenden Dach einer Leichtbau-Konstruktion wieder anfangen, Backsteine zu brennen. Seit Mai 2017 ist alles fast wieder wie früher, erstrahlt das nagelneue Ofenhaus in frischem Glanz.

Das Ziegeleiwesen hat in Ostfriesland eine lange Tradition

Es waren Mönche, die als Erste für ihre Klöster und Kirchen Backstein brannten und das Wissen um diese Handwerkskunst und – zunächst mobile – Brennöfen in die Region brachten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Ostfriesland bereits 52 Öfen, in denen die roten Ziegel gebrannt wurden. Im 19. Jahrhundert dann war das Ziegeleiweisen die einzig nennenswerte Industrie, die es im eher landwirtschaftlich geprägten Ostfriesland gab. 1814 produzierten die ostfriesischen Ziegeleien rund elf Millionen Steine und 2,2 Millionen Dachziegel. Noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ziegelindustrie eine bedeutende Branche, heute spielt sie in Ostfriesland kaum mehr eine Rolle. Das Ziegeleimuseum in Midlum und das Heimatmuseum in Weener erinnern noch an die Vergangenheit. In der Gegenwart finden sich nur vereinzelt ostfriesische Betriebe, die mit der Produktion von Backstein auf dem Markt sind.

Das Nenndorfer Torfbrand-Klinkerwerk ist in erster Linie eine Manufaktur und kein touristischer Ort. Auf Anfrage und bei Interesse am Backstein-Sortiment sind jedoch indiviuell Besichtigungstermine hier auf der Webseite des Betriebes vereinbar – inklusive einer Begehung des historischen Ringofens.

Lesetipp: Als Ostfriesland noch Ziegeleiland war In: Weser Kurier, 15.2.2014

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