Ein ganz neuer Blick auf eine alte Moorleiche

Kommt Ihnen dieser Mann bekannt vor? Das Gesicht, das Sie hier frontal anblickt, wurde erkennungsdienstlich behandelt, und zwar vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt. Denn bei dem Herrn mit den leuchtend blauen Augen handelt sich um das lebensechte Modell von einem der bekanntesten Köpfe Ostfrieslands: die Moorleiche von Bernuthsfeld. „Bernie“ starb vor 1.200 Jahren, wurde 1907 in einem Hochmoor nördlich von Aurich entdeckt, und heute stehen wir ihm in Emden wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Möglich macht dies die moderne Wissenschaft, der es mittels „Rapid Prototyping“-Technologie am Rechner gelang, relativ genaue Rückschlüsse auf das Aussehen des Mannes aus dem Moor zu Lebzeiten zu schließen.

Neben den Kriminaltechnikern aus Ostdeutschland haben sich auch Spezialisten vom Institut für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, von der Face Lab Research Group an der Liverpool John Moores University sowie die Abteilung Biologische Anthropologie der Albert-Ludwigs Universität Freiburg mit dem Schädel und Gesicht des uralten Leichenfundes beschäftigt und weitere Modelle errechnet. Herausgekommen sind drei Ansichten eines Herrns mittleren Alters, die trotz unterschiedlicher Herkunft der Forscher eine erstaunliche Ähnlichkeit miteinander haben. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass „Bernie“ einst so ausgesehen hat:

Modelle auf einen Blick

Unter Leitung von Dr. Jürgen Bär vom Ostfriesischen Landesmuseum in Emden wurde die Moorleiche von Bernuthsfeld zwischen 2011 und 2016 gründlich an vielen renommierten Instituten unterschiedlichster Disziplinen untersucht. Zum Einsatz kamen modernste Verfahren – von der Radiokarbonmethode über den Volumen-Computertomografen bis zum Rasterelektronenmikroskop: „Bernie“, der lange Zeit ein Schattendasein in der Forschung führte, gehört heute zu den am besten untersuchten Moorleichen der Wissenschaft. Hier in Kürze und zusammengefasst die aktuellen Ergebnisse der Spezialisten:

Steckbrief der Moorleiche von Bernuthsfeld („Bernie“)

  • Männlich, Nordeuropäer
  • Datierung: zwischen 650 und 750 n. Chr.
  • 35 bis 55 Jahre alt
  • 1,65 cm groß
  • Rot-blondes Haar (das sich im Moor rot verfärbte)
  • Sehr gepflegte Zähne
  • Entzündliche Erkrankungen in Kindheit und Jugend
  • Eine gebrochene, aber verheilte Rippe
  • Athrose in allen Gelenken
  • Tumoröse Strukturen in den Knochen (ev. Krebs)

„Bernie“ wurde auch nicht erschlagen, wie oft vermutet. Seine Schädelfraktur erhielt er posthum. Sie stammt ganz unspektakulär von den beiden Torfstechern und Findern, Rolf und Ehme de Jonge, die beim Graben am 24. Mai 1907 unvermutet auf ihn stießen und dabei den Kopf des Skeletts beschädigten. Nicht Mord und Totschlag, sondern vermutlich eine Krankheit raffte ihn dahin. Vor seinem Tod soll er sich wegen seiner Athrose ein Jahr nicht mehr bewegt haben, fand das Max-Planck-Institut in Göttingen außerdem heraus. Mit den neuesten Erkennnissen der Wissenschaft gehören die vielen Geschichten ins Reich der Legenden, die sich im Laufe der Jahrzehnte seit dem Fund um die Moorleiche gebildet hatten. Nein, es ist keine untreue und im Moor versenkte Ehefau. Auch nicht ein berittener Geächteter mit eingeschlagenem Schädel!

Bernie mit GewandVon den Moorleichenfunden in Niedersachsen nimmt der Mann von Bernuthsfeld eine besondere Rolle ein, da er einer der ganz wenigen Objekte aus dem frühen Mittelalter ist. Sehr selten ist zudem auch die vollständig erhaltene Bekleidung mit in vielen unterschiedlichen Mustern gewebten und zum Patchwork zusammengesetzten Stoffen. Der Tote trug ein Schultercape mit Kapuze, ein knielanges Kittelhemd sowie Wickelgamaschen und Lappen für Beine und Füße. Er war zudem in eine Decke gehüllt. Eine zerfallene lederne Messerscheide sowie Lederriemen wurden ebenfalls in seinem Grab gefunden.

„Bernie“ ist die einzig erhalten gebliebene Moorleiche Ostfrieslands. Wie auch insgesamt von den rund 60 Moorleichenfunden in Niedersachsen nur fünfzehn bis in die heutigen Tage gerettet werden konnten. Viele Moorleichen wurden oft falsch konserviert und zerfielen an der trockenen Luft, manche Funde wurden einfach wieder vergraben, andere zerstückelt und weiter verkauft. Denn es gab Zeiten, Anfang des 19. Jahrhunderts, da versprach man sich von konservierten Knochen besondere Heilkräfte, waren sogenannte „Mumia“ sehr nachgefragt. Da hat „Bernie“ nochmal Glück gehabt!

Originalfund

Heute ist er der Star des Ostfriesischen Landesmuseums in Emden, das ihm nach seiner Rückkehr durch die Forschungsinstitute einen neuen Museumsanbau gegönnt hat, der seit Sommer 2016 die Ausstellung „Leben und Sterben im Frühmittelalter“ beherbergt. Und hier liegt er nun in optimal klimatisierter Umgebung, „Bernie“, die berühmte Moorleiche von Bernuthsfeld, in seinem Museumsgrab: in „Schäferstellung“ und von weichem Moos umgeben.

Fast wie im echten Moor.

R.I.P.


Ostfriesisches Landesmuseum Emden
Rathaus am Delft
Dienstag bis Sonntag 10:00 – 17:00 Uhr
(Montags geschlossen)

Brückstraße 1
D-26725 Emden

Telefon +49-(0)4921-87 2058
Fax +49-(0)4921 – 87 2063

Literaturhinweis: Ostfriesland Magazin, 4/2013: Ostfrieslands populärster Unbekannter

Bildnachweis: Ostfriesland Reloaded von Schautafeln des Ostfriesischen Landesmuseums.

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