Aus dem Land der feuchten Moore: Die Eroberung der Natur

„O schaurig ist’s, übers Moor zu gehn“. Ein unheimlicher Ort, voll spukender Geister und den Seelen Untoter, so gruselig beschreiben Gedichte und Volksglauben eine Landschaft, die einst große Teile Deutschlands prägte: 20 Prozent unseres Landes waren ein Mal von Mooren bedeckt. Besonders Norddeutschland haben sie ein unveränderliches Gesicht geben. Niedersachsen ist das Bundesland mit den meisten Hochmooren.

Moore in OstfrieslandEin ganzer Riegel von Mooren durchzieht auch die ostfriesische Halbinsel. Sie bildeten lange Zeit eine natürliche Grenze, die sicherlich auch zur Sonderstellung und der eigenständigen, isolierten Entwicklung Ostfrieslands über viele Jahrhunderte beigetragen hat, das nur schwer zu erreichen und zu durchqueren war.

Nur auf Bohlenwegen war es überhaupt möglich, die Moore zu betreten. 1980 legten Forscher im Hochmoor bei Aurich-Tannenhausen einen solchen historischen Streckenabschnitt aus festen Holzplanken frei. Der Fund zählt mit 4.500 Jahren zu den ältesten befestigten Straßen, die jemals von Archäologen entdeckt wurden – jahrtausendelang vom ostfriesischen Moor konserviert.

Erst im 17. und 18. Jahrhundert fing die Bevölkerung an, sich die schwer zugänglichen Moorlandschaften zu erobern. Man begann lange Kanäle in die Moore zu graben, um das Land zu entwässern und Torf vom trocken gelegten Land abzustechen. Das gewonnene Heizmaterial konnte über das Kanalnetz praktischerweise sofort abtransportiert und gehandelt werden. Übrig blieb tiefer liegendes, urbar gemachtes Wohn- und Ackerland. Dieses Verfahren der Moorkultivierung hatten sich die Ostfriesen bei den Holländern im benachbarten Groningen abgeschaut und wurde zum Modell staatlich geförderter Besiedlungsprojekte. Die Orte, die entlang der Kanäle im Moor entstanden, nannte man Fehn. Papenburg im Emsland, 1631 gegründet, gilt als die erste und größte deutsche Fehnkolonie. In Ostfriesland war es die Stadt Emden, die 1633 mit der Gründung Großefehns den Anfang machte, der bis 1829 noch 15 weitere folgen sollten wie etwa Rhauderfehn, Ida Fehn, Elisabethfehn im Süden oder Berumerfehn ganz im Norden Ostfrieslands.

Was heisst eigentlich Fehn?

Das Wort geht zurück auf den Wortstamm fehn/fenne/venn/fani/fahn und findet sich in vielen europäischen Sprachen. Es bedeutet soviel wie Sumpf, Moor, Morast oder Schlamm wie beispielsweise im Italienischen „fango“.

In Berumerfehn wurde für den Transport des Torfes zum 15 Kilometer entfernten Norden sogar eine ganz neue Wasserstraße gebaut, da es keine natürliche Verbindung gab. Durch diesen Kanal fährt man heute allerdings nicht mehr, wenn man von dem idyllischen Ort bei Großheide zu einer Fahrt mit dem historischen Torfkahn startet. Die besondere Tour – einzigartig in Ostfriesland – bietet der Heimatverein von Beruhmerfehn an, der das still gelegte und bereits vergrabene Schiff Selika in einer spektakulären Aktion vor einigen Jahren wieder aus der Erde ausbuddelte und komplett sanierte. Jetzt strahlt das lange, äußerst flach gehende Boot wieder im alten Glanz.

Berumerfehn Torfkahn Titel

Mit Holzhaken und den Armen kräftiger Männer wird der Torfkahn wie bei den Gondoliere in Venedig gestakt und ohne Motor langsam durch die Moorlandschaft geschoben. Nur dass heute statt Tonnen von schwarzem Torf vergnügte Touristen den langen Frachtraum füllen. Während das schwere Transportschiff wie von Zauberhand über die schnurgerade, sehr grünlich schimmernde Mittelwieke zwischen Wiesen und Wald gleitet, kann man ein wenig dem Geist der Torfstecher von einst nachspüren, die in den Fehnorten früher eigentlich immer drei Berufe gleichzeitig beherrschen mussten: den des Torfstechers, des Bootsführers und des Landwirts.

Der Anfang aller Moorkolonien war schwer, nicht umsonst hieß es: „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot.“ Die meisten Fehnkolonien erreichten jedoch mit der Zeit einigen Wohlstand, es erblühte langsam ein ertragreicher Torfhandel, schließlich auch die Schifffahrt und der Schiffsbau entlang der Kanäle.

Ganz anders sah es in den Moorsiedlungen aus, die nicht auf die Fehn-Kultivierung setzten, sondern auf die Urbanisierung durch Moorbrand. Dabei wurde die Oberfläche des Moores mit Hacken mehrfach aufgelockert und im Mai nach dem letzten Frost abgebrannt. Schon war das Land landwirtschaftlich nutzbar und zwar mit Buchweizen, den man in die noch warme Asche streute. Wenn der Nordwesten seine Moore in Brand setzte, dann merkten das damals auch die Nachbarregionen. Der Torfrauch hing im Frühjahr nicht nur als Dunstglocke über ganz Norddeutschland, sondern breitete sich als Höhenrauch über mehrere hundert Kilometer aus und war bis Nordfrankreich, Schweiz oder Polen zu bemerken. Sogar nach Lissabon oder St. Petersburg wurde er getragen, je nach dem aus welcher Richtung der Wind blies.

Brandrodung_Drover HeideBei Fehnkolonien dauerte es oft sehr lang, bis der Torf abgebaut und abtransportiert und das Land darunter schließlich urbar gemacht werden konnte. Letztendlich war es aber die nachhaltigere Methode. Denn bei der alternativen Moorbrandkolonisierung war der Boden spätestens nach sieben Jahren ausgelaugt und musste im Anschluss 30 Jahre ruhen, bis er sich von dem Raubbau erholt hatte und wieder bewirtschaftet werden konnte. Dem Moorbauer blieb in diesem Fall nichts anderes übrig, als weiterzuziehen und das nächste Stück Moor abzubrennen. Trotz der schlechten Umweltbilanz und der schlimmen Folgen für Natur und Mensch setzte sich die Moorbrandkultivierung durch, mit ihr erreichten die Mächtigen einfach schneller und günstiger ihre Landeroberungsziele.

Nach dem Urbarmachungsedikt, das Friedrich der Große 1765 erlassen hatte und mit dem er die „Wüsteneyen“ Ostfrieslands zum Besitz des Staates erklärte, entstanden unter Regie der preußischen Verwaltung mehr als achtzig solcher Kolonien. Mit seinem berühmten Edikt wollte Friedrich der Große neue Siedler in neues Land holen…

… weil die Peuplierung der wichtigste Gegenstand der Regierung ist und weil mit viel Bevölkerung der Fürst erst wesentlich Reich ist.“ (1786)

Das ist ihm auch gelungen, viele Menschen nahmen sein Angebot auf ein Grundstück im ostfriesischen Moor an, bauten sich karge Hütten und hofften auf ein besseres Leben. Doch das Kolonistendasein erwies sich in den meisten Fällen als sicherer Weg ins Elend. Die Flächen waren meist klein und ergaben nur eine karge Buchweizenernte, die nach einigen Jahren sogar ganz ausblieb, da dem Boden sämtliche Nährstoffe entzogen waren. Die Familien hatten nichts mehr zu essen, mussten in größter Not sogar betteln oder stehlen. Die Moorkolonien genossen einen denkbar schlechten Ruf bei den Nachbarn, wie man sich leicht vorstellen kann.

Die größte dieser Torfbrandkolonien war Moordorf mit 130 Familien. Sie wurde zu einem Inbegriff der Armut und größter Vorurteile: „Moordorf, ein Dorf von Zigeunern, Sträflingen, Bettlern, Hausierern, Messerstechern und Kommunisten“, hieß es. Heute befindet sich dort ein Freilichtmuseum, ein Museumsdorf, das eindrucksvoll zeigt, wie hart und spartanisch das Leben in den kleinen, gedrungenen Behausungen unter den tiefen Reetdächern war und das zu den meistbesuchten Museen in Ostfriesland gehört.

Moorsee_pixabaySo ist die Geschichte mit Moordorf am Ende doch noch gut ausgegangen. Die Zeit der Kolonisten ist lange vorbei, die der bitteren Armut auch. Geblieben sind eine Vielzahl von Moormuseen und -erlebnispfaden in Ostfriesland, die über diese Zeit der großen gesellschaftlichen und landschaftlichen Veränderung berichten wie etwa der Lehrpfad vom Ewigen Meer, der auf Holzbohlen entlang des größten Hochmoorsees Deutschlands führt. Geblieben sind romantische Fehnorte im niederländischen Stil mit Kanälen und weißen Zugbrücken, die sich bestens per Fahrrad entlang der Deutschen Fehnroute erkunden lassen. Geblieben sind auch die vielen neuen Siedlungen, die am Rand der immer weiter zurückgedrängten ostfriesischen Hochmoore entstanden und mit ihren Flur- und Ortsnamen an die Zeit erinnern, als die sumpfige Landschaft von mutigen und oftmals verzweifelten Kolonisten erobert wurde.

Der Preis war hoch, den beide zu zahlen hatten –  Mensch wie Natur. Eins steht jedoch fest: Ohne die großflächige Besiedlung und Urbarmachung seiner Moore sähe Ostfriesland heute ganz anders aus.

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Literaturhinweise:

  • David Blackbourn, Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, Random House, München, 2008 / Kapitel: Die Kolonisierung der Moore
  • Moormuseum Moordorf: Leitfaden für die Besucher des Freilichtmuseums
  • 250 Jahre Urbarmachungsedikt: neue Siedler – neues Land – neue Namen, Begleitbroschüre für die Ausstellung im Freilichtmuseum Moordorf
  • Horst Schlechter: Handschrift-Broschüren vom Leiter des Wald- und Moormuseum Beruhmerfehn zum Themenkreis Moor und Torf

Bildnachweis:

  • Übersichskarte Moorgebiete Ostfrieslands: Wald- und Moormuseum, Beruhmerfehn/Großheide

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