Tania Blixen: Tausendundeine Nacht auf Norderney

Norderney ist jenseits von Afrika und die Nordsee nicht der Indische Ozean. Und doch gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten. Denn bei Baronin Tania Blixen – seit dem Hollywoodfilm „Out of Africa“ die wohl berühmteste Kaffeefarmerin des kolonialen Kenias – wird die ostfriesische Insel zum Schauplatz einer Erzählung, die die orientalisch-afrikanische Tradition des Geschichtenerzählens zu neuem Leben erweckt und in sehr viel nördlichere Klimazonen verlegt.

Anstelle eines Lagerfeuers in der afrikanischen Savanne bildet in der ostfriesischen Variante von Tausendundeiner Nacht ein Dachboden voller Heu den dunklen Raum, in dem „Die Sintflut von Norderney“ ihre ganze Magie entfaltet. Auf den haben sich vier sehr unterschiedliche Menschen versammelt, um hier vielleicht die letzte Nacht ihres Lebens zu verbringen. Denn um sie herum tost eine gewaltige Sturmflut, die Norderney zu zerstören droht. Deiche sind gebrochen, der Hauptort zerstört, überall verschlingen die Wassermassen Menschen, Tiere und Häuser. Die Geschichte ist erfunden, die „Kardinalsflut“ von 1835, noch dazu zu einer dafür sehr ungewöhnlichen Jahreszeit wie den Spätsommer, hat es in Wirklichkeit nie gegeben.

Rex_Whistler_-_Dust_wrapper_for_Seven_Gothic_Tales_by_Isak_Dinesen_1934Doch schließlich sind es auch „Sieben phantastische Geschichten“, mit denen ein bis dahin unbekannter Autor namens Isak Dinesen 1934 in Amerika schlagartig bekannt wird. Der Name ist ein Pseudonym und wie sich später herausstellt verbirgt sich dahinter die dänische Baronin Karen von Blixen-Finecke, die ihre Farm und ihren Geliebten in Kenia auf tragische Weise verlor und ihr Paradies für immer verlassen musste. Bereits in Kenia hatte sie viele Geschichten erfunden und erzählt, auch angefangen, sie festzuhalten und niederzuschreiben. Fünf von den sieben literarischen Fantasien stammen aus dieser afrikanischen Zeit.

Die Geschichte von der zerstörenden Flut auf Norderney kam erst später dazu. Sie muss irgendwann zwischen ihrer Rückkehr nach Dänemark im Herbst 1931 und der Fertigstellung des Buchmanuskriptes im Frühjar 1933 entstanden sein. Ob Tania Blixen, so der in Deutschland bekannte Name der Autorin, tatsächlich einmal selbst auf Norderney gewesen ist oder aus Berichten anderer ihr Wissen hat, ist nicht ganz klar. Ihre Geschichte versetzt sie hundert Jahre zurück und beschreibt die frühe Blütezeit des Seebades Norderney, als es in europäischen Adelskreisen damals groß in Mode war, sich zur Sommerfrische an die Nordsee zu begeben.

Im Spätsommer des Jahres 1835 überfiel ein furchtbares Unglück das Seebad Norderney. Tania Blixen schildert wie ein schrecklicher Orkan wütet, unglaubliche Wassermassen gegen die Deiche drücken, die irgendwann dem nicht mehr standhalten und brechen, und wie sich die ungeheure Flut über die Insel schiebt und alles zerstört, was sich ihr in den Weg stellt. Vier Flutopfer führt das Schicksal nun auf einem Dachboden eines Hauses zusammen, das in den Weiten der anschwellenden See noch wie eine Rettungsinsel herausragt. Wie kann man mit diesen Leuten sterben? so fragten sich die in dem Heuschober Ausgesetzten, und jeder forschte im Gesicht des anderen.

Das ist die Ausgangskonstellation und unter der Regie von Malin Nat-og-Dag, dem Alter Ego der Erzählerin, entspinnt sich nun eine wahre Flut von Geschichten: Sie spielte die Hausfrau vollendet gut in dieser Nacht, bewirtete ihre Gäste mit dem seltenen Luxus der Verlassenenheit, Finsternis und Gefahr, sie hatte überdies den Tod selbst zur Verfügung wie andere einen Salonhelden oder einen italienischen Tenor, einen Gast, den ihr keine andere Gastgeberin streitig machen konnte.

Neben der ehrwürdigen Dame aus altem Adelsgeschlecht und dem Kardinal von Sehestedt hat es noch zwei jüngere Menschen in diese schicksalshafe Umgebung verschlagen: die Comtesse Calypso von Platen-Hallermund sowie einen jungen Mann namens Jonathan Maersk, der der oberflächlichen Menschen überdrüssig sich vom rauhen Salzwasser der Nordsee Reinigung verspricht. So erzählen sie alle ihre Geschichte und noch viele weitere und danach ist nichts mehr wie es schien:

Die mitternächtliche Stunde ist nahe. Mag es die Stunde sein, da die Masken fallen. Ist es nicht Ihre und meine Maske, die fällt, mag es die Maske von Schicksal und Leben sein. Bald schon werden wir dem Tod ins Gesicht sehen ohne Masken. In der Zwischenzeit haben wir nur noch eines zu bedenken: was es denn wirklich um das Leben ist!

Jonathan Maersk entpuppt sich als der Sohn eines steinreichen, dänischen Barons, die Comtesse Calypso ist ihrem leicht perversen Onkel Graf Seraphin entflohen, der in einem mittelalterlichen Schloß lebt und scheinbar eine Vorliebe für kleine singende Knaben hat. An dieser Stelle der Erzählung erfährt der Leser auch gleich ein wenig über Ostfriesland: Auf den ostfriesischen Weiden wird eine Art Hammel gezogen, die, mit Bittergras gefüttert, ein ausgezeichnetes, in der kulinarischen Welt als „pré-salé bekanntes Fleisch liefern. Auf solchen Salzweiden mit Sole und bitteren Kräutern ist das junge Mädchen gefüttert worden. Ihr armes Herz hat keine andere Nahrung bekommen. Dem Geiste nach ist mein gesalzenes, armes Mutterlämmchen wirklich solch ein agneau pré-salé.

Vermählt werden die beiden Jungen in dieser schicksalhaften Nacht auch noch, denn – Sie gehörten jetzt zum Orden der Ritter vom Heuboden von Norderney, dessen Mitglieder nicht außer ihrem Stande heiraten dürfen. Die Blitzheirat inmitten der Sturmflut vollzieht der Kardinal – übrigens ein gebürtiger Ostfriese – der eigentlich gar nicht der echte ist, sondern sein Diener Kasparson, unter einem blutigen Kopfverband kaum erkennbar. Kasparson hat seinen Herrn unbemerkt erschlagen, sich danach aber als unermüdlicher Retter inmitten der Katastrophe erwiesen. Die Sturmflut wurde später nach ihm und seinen Heldentaten „Kardinalsflut“ genannt und machte ihn für die Nachwelt unsterblich – was ihm als einfacher Diener bei gleichem Tun wohl nicht geglückt wäre. Hinter der Fassade des Kirchenmanns ein Mörder, fantastischer kann eine Geschichte eigentlich nicht sein.

Als der Morgen dämmert, ist das Wasser bereits bis zur Höhe des Heubodens gestiegen, die schweren Planken schaukeln sachte und schwimmen auf dem Wasser. Ob die vier überleben? Wir wissen es nicht, denn genau an dieser Stelle beendet die Scheherazade des Nordens ihre unglaubliche Geschichte.

Karen-Blixen-PortraitMit der Geschichtenerzählerin aus Tausendundeiner Nacht wurde Tania Blixen gerne verglichen. Nach dem Erstlingserfolg mit den Sieben phantastischen Geschichten hat sie noch viele weitere Erzählungen geschrieben. Auch ihre danach folgende Biografie Jenseits von Afrika hat viel von diesem erzählerisch und atmosphärisch dichten Ton, den Ernest Hemingway und andere so sehr an ihr schätzten. Sie wurde zweimal für den Nobelpreis für Literatur nominiert, ihre Werke mehrfach verfilmt und Oscar-prämiert. Ihre Geschichten spielen oft im 19. Jahrhundert und erzählen vom Verfall feudaler Gesellschaften, von Dekadenz, von Außenseitern, Helden und außergewöhnlichen Menschen.

Blixen war in ihrem zweiten Leben als erfolgreiche Schriftstellerin eine etwas exaltierte und exzentrische ältere Dame, lebenshungrig bis zum Schluß als sie mit 77 Jahren 1962 auf dem Familiensitz Rungstedlund, nördlich von Kopenhagen, starb. Dort, im Park unter einem großen Baum, ist sie begraben. Hof und Park sind heute Museum.

Über sich selbst sagte sie einmal: „Was mich betrifft, so habe ich nur den einen Ehrgeiz: Geschichten zu erfinden, sehr schöne Geschichten.“ Das ist ihr wohl gelungen. Mit ihrer Erzählung „Die Sintflut von Norderney“ hat sie auch der ostfriesischen Insel ein ewiges literarisches Denkmal gesetzt, das weit über Ostfriesland hinaus seine Wirkung entfaltete.


Und noch etwas

War Tania/Karen Blixen in ihrem Leben jemals auf der Insel Norderney? Es spricht einiges dafür: Das salzige Fleisch der Heidschnucken wie oben zitiert beispielsweise, was man selbst geschmeckt haben muss. Die Kenntnis anderer Sturmfluten, von denen sie zu erzählen weiß. Oder auch die Tatsache, dass ein Hund in der Erzählung den Namen „Passup“ trägt. Das ist plattdeutsch für „Pass auf“ und das kann man eigentlich nur selbst gehört haben. Vielleicht wissen ja die Archive von Norderney mehr? Wahrscheinlich wäre ein Aufenthalt im Frühjahr oder Sommer 1932. Es wäre mal wert, unter den Namen Blixen oder Dinesen nachzuforschen. Vielleicht gäbe es noch das ein oder andere unbekannte Detail aus dem Leben der berühmtesten Schriftstellerin Dänemarks zu entdecken.

Rungstedlund Karen Blixen 1942
Karen Blixen, 1942, als erfolgreiche Geschichtenerzählerin.

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