Großer Gott, wir fürchten Dich! Zwischen Predigt und PR

Noch heute steht das kleine Kirchlein auf seiner hohen Warft: Die Pfarrkirche von Resterhafe ragte am Weihnachtsmorgen 1717 wie eine Insel aus dem reißenden Wasser der Nordsee, das durch die gebrochenen Deiche bis weit hinter Dornum strömte. Der Bericht des Pfarrers aus jenen verzweifelten Tagen gehört zu den eindrücklichsten Beschreibungen, die von der historischen Weihnachtsflut überliefert sind. Johann Christian Hekelius, damals dreißig Jahre alt, schilderte in seiner Chronik, die „Ausführliche und ordentliche Beschreibung derer beyden erschrecklichen und fast nie erhörten Wasserfluthen in Ostfriesland Und denen meisten an der Nord-See gelegenen Schönen Ländern…“, das ganze Ausmaß der Katastrophe. Das, was eben noch fruchtbares Marschenland war, war plötzlich ein dunkles, kaltes, wogendes Meer:

„… nicht das allergeringste konnt man gewahr werden, so man Land hätte nennen mögen, man möchte sich hinwenden, wo man wollte, so warens lauter Fluthen…“

Szene 5 Weihnachtsflut 1717_Wikipedia

Hekelius war nicht nur Augenzeuge und Chronist dieses Unglücks, sondern auch unermüdlich in seinem sozialen Einsatz und in seinem Bemühen durch Spenden die allerdringendste Not der Menschen zu lindern. Er war der vorderste PR-Mann der großen Katastrophe des Nordens. Die Weihnachtsflut von 1717 gilt als die erste große Sturmflut, die auch anderen Ortes viel Betroffenheit und Hilfsbereitschaft ausgelöst hat. Und das ist vor allen Dingen diesem jungen ostfriesischen Pastor zu verdanken. Nachdem er seinen Augenzeugenbericht verfasst hatte, schlug er seinem Landesherren, Haro Joachim von Closter von der Herrlichkeit Dornum und Landdrost zu Jever, vor, in der Fremde über die Flut und ihre Folgen zu predigen und Geld zu sammeln. Dieser war einverstanden und so verließ Pastor Hekelius am 7. September 1718 Resterhafe und das verwüstete Ostfriesland und begann überall in Deutschland, besonders aber in seiner Heimat bei Eisleben und Quedlinburg zu predigen. Seine Benefiztour – wie man sie heute wohl nennen würde – war überaus erfolgreich. Mit einem beträchtlichen Spendenaufkommen kehrte er wieder nach Hause zurück.

Sein Augenzeugenbericht wurde 1719 in Halle, wo er als junger Mann Theologie studiert hatte, gedruckt. 1719 ist in Nürnberg auch ein Kupferstich eines unbekannten Künstlers erschienen, der bis heute noch das ganze Ausmaß der Katastrophe bildgewaltig vor Augen führt – siehe auch den Beitrag zu Weihnachten 1717: Die Nacht des Schreckens und Grauens.

Szene 2 Weihnachtsflut 1717_Wikipedia

Neben den Auftritten von Hekelius, seiner Chronik sowie dem Kupferstich des unbekannten Meisters war es aber auch eine Karte, die früh schon zu der großen öffentlichen Verbreitung und Erschütterung über diese gewaltige Sturmflut beitrug: Johann Baptist Homann ist ihr Urheber. Er war damals ein bekannter Kupferstecher und Verleger aus Nürnberg, der sich sehr schnell nach der Katastrophe ans Werk machte und bereits im Februar 1718 diese reich bebilderte Karte, inklusive eines Berichts von den furchtbaren Ereignissen im Norden, druckte und veröffentlichte:

Homann Karte

Sie ist, was die geografischen Details angeht, in vielen Dingen ungenau, etwas bei Anzahl und Lage der Ostfriesischen Inseln oder dem Küstenprofil. Sie gibt aber dennoch einen sehr anschaulichen Eindruck vom ganzen Ausmaß der Überschwemmungen, die hier in einem Ockergrün hinterlegt bis weit ins Landesinnere reichen, weiter sogar noch als tatsächlich überliefert. Ihr eigentlicher Zweck war auch nicht eine amtlich genaue Dokumentation, sondern die zeitnahe Information, ähnlich einer Fernsehnachricht heutiger Tage. Da hatte die Aktualität Vorrang. Laut Experten unserer Tage lag das Hauptaugenmerk des Verfassers auch gar nicht auf der detailgenauen Darstellung der geografischen Details, sondern auf den Text- und Bildelementen und da besonders auf die Götterdarstellungen im oberen Teil:

Homann Ausschnitt Goetter

Unter den wütenden Göttern, wie Neptun, der seinen Dreizack schwingend die See aufwühlt, oder Aeolus, der Gott der Winde, der es blitzen und stürmen lässt, halten zwei Putten ein Spruchband zwischen ihren Händen. Der Text darauf stammt vom römischen Dichter Ovid und gilt als zentral für das Verständnis der Karte. Es heißt darin übersetzt: „Schüttet ein Gott das Wasser über so viele dahin: allein, wer von ihnen verdient, darin auch zu ertrinken?“ Dieser Satz deute darauf hin, dass sich für Homann hier nicht allein ein strafender Gott rächte, sondern schlicht die manchmal grausamen Naturgewalten wirkten. Ein tragisches Schicksal für die Betroffenen, ja, aber nicht die Folge von Sünde.

Denn das war damals die weit verbreitete Ansicht. Die Meisten sahen in der Weihnachtsflut ein Zeichen für das beginnende Strafgericht Gottes. Sämtliche Konfessionen in Deutschland nutzten die Weihnachtsflut, um die Menschen zu einem gottgefälligen Leben zu erziehen. Das wird auch Pastor Hekelius aus Resterhafe bei Dornum nicht anders gepredigt haben. Ihn persönlich traf kurz nach seiner Heimkehr von der so erfolgreichen Benefizreise ein weiterer Schickalsschlag. Nach der Neujahrsflut von 1720 starb seine Frau im Alter von nur 20 Jahren. 1723 verließ er Ostfriesland und kehrte zurück in seine überflutungssichere Heimat bei Eisleben.

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