Tagung: Die Weihnachtsflut lässt noch immer schaudern

Erst für halb sieben Uhr morgens hatte man in Emden mit dem normalen Hochwasser gerechnet, doch schon um zwei Uhr nachts strömten die reißenden Fluten durch die Straßen der Stadt. Wie die gesamte Nordseeküste traf die katastrophale Sturmflut in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 auch die Emder vollkommen überraschend und unerwartet. Einen Wasserstand von gewaltigen 4,45 Metern über Normalnull halten die historischen Chroniken dort schließlich in der Spitze fest. Auch die Große Kirche am Fuß des Burghügels entging damals nicht der Katastrophe und stand unter Wasser. 300 Jahre später ist das anders, da erreichen die Besucher trockenen Fußes die alten Backsteinmauern, die heute die ehrwürdige Johannes a Lasco-Bibliothek beherbergen. Am 12. Dezember 2017 waren es besonders viele.

Voll besetztDenn gemeinsam mit den Deichverbänden Ostfrieslands hatte die Ostfriesische Landschaft an diesem Tag zu einer zentralen Tagung in das große Kirchenschiff geladen: Das Thema „Weihnachtsflut 1717 – Katastrophe und Epochenwende“ berührt die Menschen bis heute. Zu groß waren das Elend und die Not, die diese ungeheure Flut über das Land brachte. Sie hat sich über Jahrhunderte in die Erinnerung gebrannt. Zahlreiche Experten aus Deutschland und den Niederlanden erinnerten gemeinsam an die größte Flutkatastrophe, die die deutsche Nordseeküste in der Neuzeit jemals heimsuchte. „Eine Erinnerung aus traurigem Anlass“ betonte auch Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, der mehr als 300 Gäste im voll besetzten Saal begrüßte.

Das Interesse für dieses Thema ist besonders in Ostfriesland groß. „Mehr als bei uns in den Niederlanden“, wie Ton Lindemann feststellte, der die meteorologischen Ursachen und Wasserstände des historischen Ereignisse beleuchtete. „Bei uns ist das Ereignis fast aus der Erinnerung verschwunden“, meinte auch Hidde Feenstra, der als zweiter Referent aus den Niederlanden dabei war, um die damalige Lage in Friesland und Groningen zu beschreiben. Paul Weßels von der Ostfriesischen Landschaft schilderte plastisch die ganze Tragik dieser schrecklichen Weihnachtstage für die deutsche Seite mit lebhaften Augenzeugenberichten, von denen es ausgesprochen viele und erschütternde gibt. Diese Flut ist die erste, die schriftlich gut dokumentiert ist, auch wenn die genauen Zahlen ein wenig schwanken: Einschließlich der Niederlande soll sie mehr als 11.300 Menschenleben gefordert haben. Es ist jedoch nicht die Zahl der Menschen- (und Tier-) Opfer, die diese Flut zur größten werden ließ, sondern die riesigen, weit bis ins Landesinnere reichenden Überschwemmungen.

Die Veranstaltung in Emden machte jedoch nicht bei der Historie halt, sondern richtete den Blick auch auf Gegenwart und Zukunft und auf die naheliegende Frage: Sind unsere Küsten heute denn sicher? Kann eine Weihnachtsflut wieder passieren? Professor Frank Thorenz, Betriebsstellenleiter vom NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz), gibt beruhigende Signale: „Wir haben auf einer Gesamtlänge von 610 Kilometern Deich in Niedersachsen einen erstklassigen Zustand der Küstenschutzanlagen. Auch was die Höhe der Deiche angeht, ist noch jede Menge Luft nach oben. Wir haben genügend Spielraum für alle bisherigen Szenarien mit ihren sehr unterschiedlichen Spannweiten.“

Eine abschliessende Diskussionsrunde dreier Oberdeichrichter, moderiert von Landschaftsdirektor Rolf Bärenfänger, blickte in die Zukunft. Für das Trio um den Präsidenten des Wasserverbandstages Niedersachsen, Heiko Albers, ist klar: „Wir deichen. Weichen kommt für uns nicht in Frage.“ Meint Heentsmann, Oberdeichrichter im Rheiderland, betonte den Aspekt des nachhaltigen Planes und die zentrale Rolle des Vordeich-Schlicks als Grundlage für ertragreichen Marschboden zukünftiger Generationen. Aktuell steht ein ganz anderes Problem zur Debatte: „Dem Deich drohen nasse Füße.“ Darum sorgt sich besonders Jan Steffens von der Deichacht Esens-Harlingerland: „Außen haben wir höhere Meeresspiegel und innen höheres Wasser durch die Zunahme von Starkregen. Wir müssen zukünftig mehr in unsere Siele und Pumpwerke investieren.“ Gefahr droht den Deichanlagen momentan also weniger von oben, sondern von unten.

Darüber und natürlich auch über die Weihnachtsflut von 1717 wird auch Ostfriesland Reloaded berichten. In den nächsten Tagen wird die historische Katastrophe auführlich beleuchtet, begleitet von Ein- und Ausblicken in Deichbau und Küstenschutz. Schauen Sie doch bis zum 4. Advent einfach immer mal wieder herein in den Weihnachtsgeschichten-Kalender!

Tannenbaumreihe

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