Pomarium Frisiae: Ostfrieslands großes Paradies der Früchte

Ohne den Apfel kein Sündenfall und ohne den Sündenfall kein Advent. So ist es denn auch nur folgerichtig, dass Ostfriesland Reloaded den 1. Advent heute der sündigen Frucht widmet, dem Apfel. Welch besseren Ort kann es dafür geben als das „Pomarium Frisiae“ im Ökowerk Emden? Erst vor fünf Jahren, im September 2012, wurde der erste Apfelbaum im friesischen Obstgarten gepflanzt, ein Jahr später war die offizielle Eröffnung. Heute ist die Einrichtung auf dem idyllischen Gelände direkt hinter dem Deich ein weithin bekanntes Kompetenzzentrum in Sachen Obst.

Den alten Obstsorten gilt die ganze Leidenschaft von Detlef Stang. Der Geschäftsführer des Ökowerk Emdens ist eine der zentralen Figuren des engagierten Umweltprojekts, dem Ostfriesland einer der bundesweit größten und vielfältigsten Obstsammlungen zu verdanken hat. Angefangen hat alles mit Äpfeln, die auch heute noch den Kern des „Pomarium Frisiae“ mit seinen über tausend unterschiedlichen Obstsorten bilden. Stang erinnert sich gerne an die Zeit, als sich eine Gruppe „Apfelverrückter“ fand um die Arten- und Sortenvielfalt dieses uralten Kulturgutes zu sichern. Ein bisschen Verrücktheit gehörte damals schon dazu, solch eine Einrichtung in die ostfriesische Marsch zu setzen, aber auch der feste Glaube daran, dass sich der Einsatz lohnt. Stang hatte als international tätiger Agrarwissenschaftler zuvor viele Jahre in Afrika verbracht und bemerkt, welche besondere Bedeutung der Obstbau dort genießt.

Als Vorbild für das ostfriesische Pomarium diente konkret ein Obstgarten bei Flensburg, das „Pomarium Anglicum“, das bei der Anlage des neuen Geländes inspirierte und weiter optimiert wurde. Der Standort in Emden ist perfekt für Äpfel und andere Obstsorten. Stang erläutert: „Hier gibt es keine Hügel. Auf dem guten Marschboden, nur 200 Meter von der Mündung der Ems entfernt, gedeihen die Früchte besonders prächtig. Denn durch die Luftbewegung am Wasser und die Wärme des Schlicks haben wir eine frostfreie Umgebung.“

Eine erste große Sammelaktion brachte den Apfelenthusiasten um Stang anfangs bereits 502 verschiedene Sorten – und da immer zwei von jeder Sorte angepflanzt werden – genau 1004 Apfelbäume. Das war ein guter Grundstock, auf dem sich weiter aufbauen ließ. Vor allen Dingen Gärtnermeister Eilert Meier aus Wiesmoor, heute in Rente, war in den Anfangsjahren die prägende Gestalt des „Pomariums Frisiae“. An ihn erinnert eine ihm gewidmete Sorte – und die bleibt Eilerts Geheimnis. Zu dem Engagement vieler kamen fast 400.000 Euro aus privater und öffentlicher Hand sowie die Unterstützung der Stadt Emden, die auch heute eine der vier Stifter des Ökowerks Emden ist – neben der Gerhard Ten Doornkaat Koolman-Stiftung, der Irma Waalkes-Stiftung und der Bingo! Umweltstiftung Niedersachsen.

Ziel des „Pomariums Frisiae“ ist die Arten- und Sortenvielfalt von Obst und besonders von Äpfeln zu sichern sowie alte Sorten durch Anpflanzen vor dem Aussterben zu retten. Es wendet sich als Forschungseinrichtung an Spezialisten, den Pomologen, die hier einen Gen-Pool von mittlerweile 657 unterschiedlichen Apfelsorten finden, die sich in 18 Reihen gut sortiert immer entlang des Deiches ziehen. Die kostbare Sammlung dient dem Erhalt des genetischen Materials sowie dem Studium der unterschiedlichen Arten. Dieses liefert wertvolle Erkenntnisse für die Planung neuer Anpflanzungen in Gärten oder Streuobstwiesen.

Der Genpool-Bereich gilt den Experten und ist abgegrenzt von dem öffentlichen Bereich des „Pomarium Frisiae“, das als Bildungseinrichtung regelmäßig Führungen gibt. Vor allen Dingen Kindergärten und Schulklassen sind oft hier, für die eigens eine Streuobstwiesenpädagogin zur Verfügung steht. Speziell für die kleinen Gäste gibt es sogar einen Kinderhügel. Aber auch interessierte erwachsene Gartenliebhaber lassen sich gerne auf geschwungenen Wegen durch das einmalige Reich der Äpfel und des Obstes führen und am Objekt mehr zu den Sorten, ihrem Ursprung, ihren Hintergründen und Eigenschaften erklären.

Auch typisch ostfriesische Arten sind darunter, wie beispielsweise „Platt Soeten“, ein rotbackiger, schmackhafter Apfel aus der Region. Neben den unzähligen Apfelsorten sind über 220 Birnen- und Pflaumensorten im friesischen Obstgarten versammelt. Es gibt zudem ein eigenes Kirschhaus, zahlreiche Wild- und Strauchobstarten werden präsentiert und auch der Granatapfel stellt sich hier in der freien Natur am Busch vor.

1000 Bäume, das sind 1001 Geschichten

Das Wetter hätte besser sein können diesen Herbst, als Ostfriesland Reloaded im „Pomarium Frisiae“ vorbeischaut. Der Apfel fällt im regnerischen 2017 meist zu früh vom Stamm. Aber Detlef Stang kennt seine Sorten ganz genau und weiß, wo auch noch die Spätreifen zu finden sind. Und egal bei welchem Wetter, eines gilt im friesischen Obstgarten immer: „1000 Bäume, das sind 1001 Geschichten“. Davon kann der „Herr der Äpfel“ viele erzählen.

So etwa die vom „KZ-3“. Ja, Sie lesen richtig. Der Name ist Programm, denn diese Apfelsorte wurde tatsächlich in einem Konzentrationslager gezüchtet. Sie ist eine von insgesamt vieren, die der Gefangene Korbinian Aigner im KZ-Dachau züchtete und durchnummerierte. Daher heißt diese seltene Sorte auch manchmal „Korbiniansapfel“. Es gelang dem Züchter alle seine vier Sorten aus dem Lager zu schmuggeln, erhalten bis heute blieb jedoch nur Nummer 3, „KZ-3“. Da steht er nun, der schmale KZ-3-Apfelbaum, mehr als siebzig Jahre nach seiner außergewöhnlichen Züchtung im „Pomarium Frisiae“ in Emden. Und da er ein absolut spätes Früchtchen ist und erst im Oktober und November reif, zeigt er uns im Herbstdunst sein gelb-rot geflammtes Obst als ewige Erinnerung und süßsaure Mahnung.

Eine wahre Liebhabersorte wegen seines vielfach gerühmten Geschmackes ist der „Gravensteiner“. Der Apfel mit dem klangvollen Namen ist jedoch nur noch selten auf dem Markt zu finden. Er ist im Anbau ein wenig zu anspruchsvoll, nur schlecht zu lagern, dazu noch stoßempfindlich – schlecht in Zeiten durchoptimierter Lieferketten des Handels. Dabei schmeckt er so gut! Dänemark hat ihn 2005 sogar zur Nationalfrucht gekürt, seit 1669 wird er dort bereits angebaut. Auch in Emder Pomarium ist der „Gravensteiner“ selbstverständlich zu finden. Reif ist er im Sommer von Ende August bis Mitte September.

Noch früher, Ende Juli bis Anfang August, trägt der Favorit von Detlef Stang seine Früchte: „Weißer Klarapfel“ oder auch „Augustapfel“ ist sein Name und dahinter steckt auch eine Geschichte. Eine ganz persönliche: „Ich verbinde mit diesem Apfel sehr schöne Kindheitserinnerungen. Bei uns leuchtete der im Sommer immer auf einer Wiese. Und dieses Augustgefühl meiner Kindheit spüre ich bis heute, wenn ich den Apfel betrachte oder esse.“

So ist die Entscheidung für einen Apfel immer eine ganz individuelle. Am besten ist sehen, fühlen, riechen, schmecken. Das kann kein Artikel ersetzen, das muss man selbst erfahren!

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Im Winterhalbjahr (Oktober – April) hat das Ökowerk Emden

Montag bis Donnerstag von 7.00 – 17:00 Uhr und Freitag von 7:00 – 12:30 Uhr geöffnet.

Führungen durch das Pomarium Frisiae werden auf Anmeldung durchgeführt:

Ökowerk Emden

Pomarium Frisiae

Kaiserweg 40a

26725 Emden

Tel: 04921 – 95 40 23

Fax: 04921 – 95 40 25

info@oekowerk-emden.de

www.oekowerk-emden.de

Adventskraenze

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