Einmalig: Mit der Postkutsche durch das Wattenmeer

Hilgenriedersiel ist heute ein stiller Fleck am Deich, mit grasenden Kühen und Schafen und dem einzigen Naturbadestrand an der gesamten Küste. Das war vor knapp 200 Jahren noch ganz anders, als landesweit ein einzigartiger Service für die ersten Touristen auf Norderney zur Verfügung stand: Mit der Postkutsche ging es mitten durchs Wattenmeer! Damals war der Sielort ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt auf dem Weg nach Norderney, hier tobte das Leben und das bunte Treiben der ankommenden und abfahrenden Gäste.

Der Weg durchs Watt war über Jahrhunderte die wichtigste Verbindung der Insulaner zum Festland. So wurde die Post seit 1746 durch Botengänger über das Watt befördert und nicht etwa per Schiff. Erst als man um 1800 herum die Gründung einer Seebadeanstalt in Angriff nahm, begann man über einen regelmäßigen Fährdienst für die Feriengäste nachzudenken. Norderney liegt bis heute von allen Ostfriesischen Inseln am nächsten zum Festland. Das war auch ein wichtiges Argument der Seebad-Gründerväter, dass „die Insel dem festen Lande so nahe liegt, daß sie täglich mit frischen Nahrungsmitteln versorgt werden kann“, heißt es im Protokoll der Ständeversammlung von 1797.  An der schmalsten Stelle, östlich des Leuchtturms von Norderney, beträgt die Entfernung lediglich 4 Kilometer. Auch damals verlief eine breite Wasserrinne durch das Wattenmeer vor der Insel, eine Balje. Doch die ließ sich einfach umfahren, das Wasser war bei Ebbe an der tiefsten Stelle nur wenige Dezimeter tief und konnte gut durchquert werden. Zudem hat das Watt vor Hilgenriedersiel bis heute einen hohen Sandanteil, was eine Überfahrt ebenfalls erleichterte.

Durch das Watt und auf Norderney

Zur damaligen Zeit war eine Schiffsreise ein kleines Abenteuer, auch das Umsteigen vom schwankenden Segelschiff auf ein Pferdefuhrwerk fürchteten manche. Der Landweg nach Norderney war für viele Reisende die bessere Alternative, ihnen wurde eine Fahrt mit der „Wattenpost“ empfohlen. Seit 1822 verkehrte diese im Liniendienst täglich von Norden über Hage und Hilgenriedersiel nach Norderney zur Poststation des Ortes. Die Fahrt mit der Postkutsche dauerte insgesamt ungefähr vier Stunden, die reine Fahrzeit durch das Watt betrug etwa eine Stunde. Auch private Fuhrwerke und Droschken nahmen diesen Weg, allesamt begleitet von einem „Strand- oder Wattvogt“ als Wattführer.

Postkutsche im Watt
Hinrich Dinkla, Norderney, 1930 (Bild: Familie Diepen)

Die Fahrt zu Pferde war nicht ganz ungefährlich und erforderte vom Kutscher genaueste Kenntnisse von Watt, Gezeiten und Wasserständen: Immer wieder kamen die Kutschen wegen des Nebels vom Weg ab oder wurden von der Flut überrascht. Es gab einige Unfälle, so etwa 1873, als eine Kutsche bei der Überfahrt wegen zu hohen Wassers umkehren musste und dabei ausgerechnet ein Rad brach. Die fünf Insel-Reisenden, Kutscher und Wattführer erreichten das rettende Hilgenriedersiel nur noch unter Mühen mit einem gewaltigen Fußmarsch durch den nassen Schlick des Wattenmeers.

Gleichzeitig geriet die Überfahrt mit dem Schiff immer sicherer und komfortabler. Die neuen Dampfschiffe der Reedereien wurden zu einer schnelleren und günstigeren Alternative. Die Zahl der Gäste, die sich für eine Fahrt nach Norderney mit der Postkutsche entschieden, nahm immer weiter ab: 1873 waren es nur noch 400 Personen. Nach über fünfzig Jahren Betrieb wurde der tägliche Liniendienst 1875 schließlich ganz eingestellt. Die Postkutsche fuhr aber noch bis 1892 weiter durch das Watt, vorwiegend für den Transport von Postsachen.

Das Postkartenbild oben zeigt eine historische Luftaufnahme von Hilgenriedersiel, dem Ausgangspunkt für die Fahrt durchs Watt. Oben rechts im Bild ist die Deichlinie von 1570/76 zu erkennen, wie sie sich auch den Fahrgästen der „Wattenpost“ darstellte. Sie bildet heute den innen liegenden zweiten Deich. Auch der hohe Schornstein ist heute noch zu sehen, wie auch das mehrstöckige Gebäude davor, das im 20. Jahrhundert lange als Molkerei diente. Heute steht es leer, könnte aber so manche Geschichte erzählen. Denn dort befand sich im 19. Jahrhundert das Gasthaus der Familie Poppinga, die dieses über drei Generationen hinweg betrieb.

Hier kehrten die Fahrgäste nach Norderney ein, wenn sie noch auf die Ebbe oder besseres Wetter warten mussten. Es gab Zimmer zum Übernachten, im Obergeschoss sogar einen Tanzsaal. Im 19. Jahrhundert war die Gastwirtschaft in Hilgenriedersiel nicht nur für Inselreisende geöffnet, sondern auch ein ausgesprochen beliebtes Ziel der Einheimischen für Ausflüge mit der Kutsche. Schließlich gab es dort immer etwas zu sehen, zog mit den illustren Gästen des Seebades auf der Insel auch immer ein wenig die weite Welt in den winzigen Sielort am Deich ein. 1836 soll der Herzog von Cumberland dort eingekehrt sein. Auch über den späteren Reichskanzler Otto von Bismarck, in jungen Jahren begeistert von der ungezwungenen Atmosphäre auf Norderney und später regelmäßiger Kurgast, wird 1844 in Zusammenhang mit der Einrichtung des Postkutschenverkehrs berichtet.

Auch für die Pferde war gesorgt. Am Ortsrand von Hage – da, wo sich heute das Tierheim befindet – war damals die letzte Umspannstation für die Kutschpferde eingerichtet. Von dort machten sich die Gespanne wieder auf den Weg für die nächsten Kilometer der Strecke, durch die weite Hagermarsch zum Hilgenriedersiel. Am Siel gab es in einem langen Nebengebäude direkt vor dem Deich (auch oben auf der historischen Postkarte zu sehen) einen Pferdestall für die Vierbeiner.

Der Postweg durch das Watt wurde durch Steine befestigt, was der Strecke ihren zweiten Namen „Steenwegh“ (Steinweg) gab. Auch hatten die Kutschen besonders breite Reifen, um den Druck zu verteilen und nicht im Wattboden zu versinken. Der Wattweg war mit Pricken gekennzeichnet, auf Norderney diente eine Bake dem Kutscher zur Orientierung. Diese wurde schon vor 1863 als feststehende Sichtmarke errichtet und hatte als Toppzeichen ein auf der Spitze stehendes Dreieck. Eine sieben Meter hohe Rekonstruktion der alten „Postbake“ steht heute am Ostrand des Grohdepolders auf Norderney und ist zu Fuß vom Parkplatz Ostheller aus gut zu erreichen, wenn auch durch sehr sumpfiges Gelände. Neben der „Postbake“ zeugt auf Norderney heute noch der Name „Alter Postweg“ von der alten Verbindung zum Festland. Immer entlang der historischen Spur führt er als Fahrradweg vom Surfbecken des Hafens an der Kläranlage und Südstrandpolder vorbei Richtung Osten.

Manchmal kann man auf Norderney im Watt noch die alte Pflasterung des steinigen Postwegs entdecken wie die zwei Fotos rechts von Hans Ortelt belegen.

Hans Ortels cutDer erfahrene Nationalpark-Wattführer kennt sich aus wie kein anderer zwischen Insel und Festland. Ortelt: „Heute ist das Überqueren des Watts vom Hilgenriedersiel nach Norderney nicht mehr möglich, weder zu Fuß noch mit der Postkutsche.“ Die Balje zwischen Festland und Insel reicht mittlerweile tief ins Wattenmeer hinein und kann vom Hilgenriedersiel aus nicht mehr durchquert werden. An wenigen Tagen im Jahr ist eine Wattwanderung nach Norderney noch machbar, die startet aber viel weiter östlich in Neßmersiel und wird zunehmend schwieriger zu passieren.

Auch auf Festlandseite kann man noch Überreste des historischen Postkutschenweges entdecken. Allerdings nicht ohne die Begleitung oder die Erlaubnis von Hans Ortelt, der Kraft seines Amtes auch der hiesige Wattaufseher und unter dem Watt-Telefon 04933/914525 zu erreichen ist. Denn der alte Postweg begann östlich vom heutigen Naturbadestrand – und genau dieses Gebiet liegt in der Schutzzone I des Nationalparks Wattenmeer: Betreten verboten! Für alle, die nun aber doch neugierig geworden sind, hat Ostfriesland Reloaded stellvertretend ein paar Bilder mitgebracht.

Von der Abbruchkante der Salzwiese kann man bei Ebbe noch dem alten Verlauf der Steine einige hundert Meter weit mit dem Auge folgen. Danach verflüchtigt sich die Spur im Watt, zu viel Sediment hat sich im Laufe der Jahrzehnte über das Pflaster gelegt. Auf Teilstrecken, insbesondere vor dem Hilgenriedersiel, war der Postweg mit Schutt aus Ziegelsteinen befestigt, was man noch heute deutlich erkennen kann. Hier soll sich der ein oder andere nach Stilllegung der Verkehrsverbindung auch gerne mal beim Bau des Eigenheims bedient haben …

Das ist das banale Ende einer langen Geschichte.


Ostfriesland Reloaded bedankt sich sehr bei Hans Ortelt für die sach- und fachkundige Unterstützung bei der spannenden Spurensuche nach der alten und einmaligen Postkutschenverbindung zwischen Hilgenriedersiel und Norderney. Eine Fülle an Informationen und Quellenmaterial lieferte ein Vortrag von Hans-Gerd Coldewey.

Bildnachweis Titelbild und Karte: Fotografiert im Museum Nordseeheilbad Norderney, Sonderausstellung „Unnerwegens“, 30. April – 4. November 2017.

Norderney um 1840

Diese Ansichtskarte zeigt Norderney um 1840: Am Strand flanieren die Feriengäste, auf dem unteren Fahrweg sind Kutschen zu sehen.


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2 Kommentare zu „Einmalig: Mit der Postkutsche durch das Wattenmeer

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