Lebensrettend: Kostbares Blut vom kleinen Wattwurm

Weltweit fehlen jährlich mindestens 75 Millionen Liter an Blutspenden. Das Lebenselexier des Menschen ist Mangelware – und ausgerechnet der Wattwurm scheint hier eine Lösung zu bieten: Denn er transportiert mit einem Molekül Sauerstoff in seinem Körper, das dieses genauso gut auch im Blut von Säugetieren erledigen kann. Warum also dieses Wundermittel des Wurms, eine Art Ersatz-Hämoglobin, nicht als künstliche Blutkonserve für uns Menschen nutzen? Das fragte sich der französische Biologe Franck Zal, der diesen Zusammenhang als einer der Ersten entdeckte.

Er beließ es nicht beim Beobachten allein, sondern gründete 2007 mit Hemarina eine Firma in der Bretagne, die sich der Grundlagenforschung und der Entwicklung einsatzfähiger Präparate beim Menschen widmet. Das kleine Start-Up von einst hat mittlerweile über 40 Mitarbeiter und bereits millionenschwere Übernahmeangebote aus der Pharmaindustrie erhalten. Das wirtschaftliche Potential hinter der Geschichte ist gewaltig.

Denn die Nachfrage nach dem roten Saft mit seinen lebenswichtigen Eigenschaften steigt stetig. Das liegt zum einen am demografischen Wandel, der dazu führt, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Mit dem Alter steigt die Anzahl der Krankenhausaufenthalte, immer mehr Operationen, immer mehr Transfusionen müssen durchgeführt werden. Gleichzeitig stehen immer weniger junge Menschen als Spender zur Verfügung. Von denen gibt es überhaupt recht wenig: Nur drei Prozent der Deutschen spenden Blut.  Allein das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist jedoch auf 15.000 Spender täglich angewiesen. Hinzu kommt der technologische Fortschritt in der Medizin, der immer aufwändigere medizinische Eingriffe, wie Transplantationen ermöglicht, die aber auch einen extrem hohen Bedarf an Blutkonserven nach sich ziehen.

Die Nachfrage steigt, das Angebot wird knapper. Daher suchen Forscher in der ganzen Welt dringend nach Ersatz. Englische und deutsche Wissenschaftler versuchen seit geraumer Zeit, Ersatzblut aus Stammzellen zu gewinnen. Doch bisher ist noch jeder Ansatz in diese Richtung gescheitert. Entweder zeigten die aus Stammzellen gewonnenen Produkte zu hohe Nebenwirkungen, wurden vom Körper abgestoßen oder komplizierte Lizenz- und Gesetzgebungsverfahren verhinderten die Marktreife. Sogar das Blut von Fledermäusen war im Gespräch. Mit dem Wattwurm ist jetzt eine Tierart in den Fokus gerückt, die im Moment einer der vielversprechensten und am weitesten fortgeschritten Ansätze für die Gewinnung von künstlichem Blut zu sein scheint.

Die Forschergruppe um Zal entzog Mäusen und Kaninchen fast komplett den eigenen Sauerstofftransporter, das Hämoglobin, und ersetzte es durch Hemarina M101. Das ist die besondere Substanz, die seine Firma aus den Wattwürmern gewinnt. „Die Tiere lebten ohne Probleme weiter“, berichtete Zal der Wirtschaftswoche. „Es gab keine Abstoßungsreaktionen.“ Das Blut vom Wattwurm eignet sich zudem universell für jede Blutgruppe des Menschen. Ein ungemeiner Vorteil für die ärztliche Praxis, den auch das Innovationsmagazin Technology Review, das erst vor wenigen Tagen dem Kunstblut aus dem Watt einen längeren Beitrag gewidmet hat, herausstellt.

Bereis heute werden die Produkte von Hemarina erfolgreich für die Konservierung von Spenderorganen wie Niere oder Leber genutzt. Nach einem Bad im sauerstoffreichen Kunstblut aus Wattwürmern lassen sich die Transportzeiten für die kostbaren Organe deutlich verlängern. Zudem hätten laut Zal Tests ergeben, dass eine mit M101 konservierte Niere schon eine Stunde nach der Verpflanzung wieder arbeitet. Für Patienten bedeutet dieses, dass sie nach dem schweren Eingriff nicht mehr zur bisher noch notwendigen Dialyse nach der Operation müssten.

Die Therapie- und Einsatzmöglichkeiten für das künstliche Blut aus dem Wattwurm sind vielfältig: neben lebensrettenden Bluttransfusionen eignen sie sich etwa als Beschleuniger beim Heilungsprozeß von offenen Wunden oder zur unterstützenden Behandlung bei Anämie, der Blutarmut. Doch neben biologisch-technischen wie auch ethischen Fragen werden es vor allen Dingen wirtschaftliche Aspekte sein, die entscheidend für den Durchbruch der Wattwürmer als medizinische Heilsbringer sind.

Denn die entscheidende Frage lautet: Wie hoch sind die Produktionskosten, die bei biologischen Substanzen enorm in die Höhe schnellen können? Denn auch beim Blut geht es um eine Ware und damit letztendlich um die Produktion im Industriemaßstab. Auch Zal kann schon lange nicht mehr seine glibschigen Rohstofflieferanten aus dem heimischen Strand der Bretagne beziehen und mit Gummistiefel und Spaten nach Wattwürmern jagen. Er bezieht seine Wattwürmer mittlerweile aus Holland, eine Zucht liefert ihm davon mehrere Tonnen jährlich.

Wattwurmfarmen – das wäre durchaus auch ein denkbares Modell für Ostfriesland. Warum sich nicht das zu Nutze machen, was man direkt vor der Haustüre hat? Ein potentieller Abnehmer stünde mit Franck Zal in Frankreich jedenfalls bereit. Vielleicht wären es ja schon bald mehr, wenn sein Beispiel auch in Deutschland Schule macht. Herbei, Ihr Investoren! In Biotech liegt die Zukunft!

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Und noch etwas

Bis Wattwurmfarmen flächendeckend die Küstenlandschaften zieren, wird es ja noch ein wenig dauern. Der Blutnotstand ist jedoch jetzt schon groß. Daher hier ein Aufruf von Ostfriesland Reloaded Blut zu spenden. Am Besten tut man das immer noch beim Deutschen Roten Kreuz, das 70 Prozent aller Blutspenden in Deutschland verwaltet. Da gibt es zwar kein Geld, aber nette Menschen und ein leckeres Essen zur Stärkung nach dem Blutverlust. Damit ist man moralisch auf der sicheren Seite, will man dem fragwürdigen Business mit Blutplasma, das mittlerweile teurer ist als Erdöl und als das „gelbe Gold“ auf dem Weltmarkt gehandelt wird, nicht Vorschub leisten und nur am Profit orientierten Geschäftemachern überlassen. Es tut auch gar nicht so weh und ist zudem noch äußerst gesund: regelmäßige Blutspenden halten jung.

Auf der Website des Deutschen Roten Kreuzes finden sich wichtige Informationen rund um das Blutspenden. Hier erfahren Sie auch die Termine in Ihrer Nähe:

http://www.blutspende-nstob.de/

Service-Hotline: 0800/ 11 949 11

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