Zwischen Garnelenjagd und Kutterregatta

Insgesamt acht Krabbenkutter gibt es in Neuharlingersiel und einer davon ist die „Polaris“. Das leuchtend blaue Boot mit dem gelben Führerhaus liegt seit genau dreißig Jahren im historischen Hafen des malerischen Sielorts. 1987 hatte der junge Kapitän Uwe Abken sein frisch gebautes Traumschiff mit der Kennung NEU230 übernommen. Seitdem kreuzt er das Wattenmeer vor den Inseln Spiekeroog, Langeoog und Norderney – immer auf der Jagd nach den unscheinbaren und scheuen Krebstierchen, deren Gewohnheiten der erfahrene Seemann wahrscheinlich so gut kennt, wie kaum ein anderer: Mit 15 Jahren war Abken bereits an Bord eines Krabbenkutters, mit nur 21 hatte er bereits sein Kapitänspatent für die Küste gemacht, dazu kam dann noch die Ausbildung zum Fischwirtsmeister. Heute ist er Chef von einem Matrosen und einem Azubi, seit November 2016 sogar ein echtes Niedersachsen-Original von Antenne Niedersachsen.

Fast vierzig Jahre Berufserfahrung, da weiß man genau, wann und wo die Beute ins Netz geht: „Im Wattenmeer fängt man am besten bei Springtide, wenn also Voll- oder Neumond ist“, so der Krabbenfischer. „Das Wasser muss muddelig, ein wenig braun und aufgeschwemmt sein.“ Denn Nordseegarnelen sind sehr vorsichtig, graben sich bei Gefahr tief in den Sand ein. Am Tag trauen sie sich nur bei trübem Wasser aus ihren Verstecken. Am liebsten sind sie nachts unterwegs. Das weiß natürlich auch Uwe Abken: „Bei klarem Wasser lassen sich Krabben besser im Dunkeln fangen.“

Daher geht es für die drei Mann auf der Polaris im Sommer meistens auch noch in der Dunkelheit auf die See. Die genaue Uhrzeit des Auslaufens richtet sich nach Ebbe und Flut, denn Neuharlingersiel hat keine Fahrrinne, sondern ist von der Tide abhängig. Der Pegel für Niedrigwasser liegt im Sielhafen bei 3,60 Meter. Ab 4,15 Metern – nur ein wenig mehr als 5o Zentimeter unter dem Bug – kann Abken starten. Das ist etwa eine Stunde nach Niedrigwasser und auflaufend Wasser, also Flut, der Fall. Bei ablaufend Wasser, also Ebbe, muss er spätestens drei Stunden vor Niedrigwasser raus aus dem Hafen, will er nicht im Schlick stecken bleiben. In der Saison beginnt sein Arbeitstag gewöhnlich zwischen zwei und vier Uhr morgens.

Uwe Abken CR Patrick Ohligschlaeger

Die Polaris ist ein typisches Wattenschiff mit wenig Tiefgang, 16 Meter lang, ein so genannter „Baumkurrenkutter“. Er hat das charakteristische, doppelseitige Fanggeschirr eines Krabbenkutters: ein Kurrbaum mit Kufen am Ende der Stange, dem Grundtau mit schweren Rollen und dem zum Schuh geformten Fangnetz, das in einem Netzsack, dem Steert, endet. Dieses Fanggeschirr wird über die Auslegerbäume links und rechts ins Wasser gelassen. Dann zieht der Kutter die Netze mit den Kufen über den Grund, das „Kurren“. Die 32 schweren Rollen halten das Netz unten, „wubbern“ über den Boden und scheuchen alle Tiere am Meeresgrund auf und in die Netze. Ein „Hol“ darf im Wattenmeer maximal eine Stunde und draußen vor den Inseln in der Nordsee bis zu drei Stunden dauern. Um zu vermeiden, dass große Fische ungewollt als Beifang ins Netz gehen, haben Krabbenkutter heute zusätzliche Siebnetze mit höchstens 35 Millimeter großen Maschen am Kurrbaum. Erst nach diesem Schutznetz gelangt der Fang der kleineren Garnelen und anderer Tierchen in das mindestens 12 Millimeter breite Krabbennetz. Dieses ist eine Voraussetzung für das geforderte Marine Stewardship Council (MSC)-Siegel für nachhaltigen Fischfang.

Steert mit Krabben CR Patrick OhligschlaegerAm Ende landet auch bei Uwe Abken alles im Steert, im „Schwanz“ am Ende des gewaltigen Maschenwerks. Es ist immer wieder ein spannender Moment, wenn das Netz gehievt und der Fang eines „Strichs“ über den Meeresboden auf das Schiff geholt wird. Ist der Steertknoten erst einmal gelöst, stürzen Tausende von kleinen Nordseegarnelen auf ein Mal in einen Fangtrichter, dann über ein Förderband und direkt in die Sortiertrommel. Alles, was nicht gebraucht werden kann, tote Nordseegarnelen oder die echten Krabben, wird hier aussortiert und über Bord gespült.

Über eine Rohrleitung und Aufführband geht es weiter in die Kochstraße. Die funktioniert wie eine archimedische Schraube. Bei 97 Grad werden die bis eben noch lebenden, blassgrauen, leicht durchsichtigen Tiere zirka sieben Minuten gekocht. Erst beim Kochen an Bord erhält das Fleisch der krummen Krabben den bekannten rosafarbenen Ton. Gespült und nochmals nachgesiebt landen sie zur Kühlung in einem Wasserbad. Dann wird nochmal nachsortiert und ab geht der Fang in den Kühlraum der Polaris, wo er bei Temperaturen um Null Grad frisch gehalten wird.

Zu den anderen Kutterkapitänen im Wattenmeer hat Uwe Abken ein kollegiales Verhältnis. Auch wenn man natürlich im Wettbewerb gegeneinander stehe, erklärt er mit einem Schmunzeln: „Wir verraten einander nicht, wo unsere besten Fanggebiete liegen.“ Die Erfahrung muss schon jeder Krabbenfischer selbst machen. Es ist in der Fischerbranche durchaus üblich, die eigentlich vorgeschriebenen Positionsmelder auch einfach mal kurz abzustellen, um der Konkurrenz nicht entscheidende Hinweise zu geben. Trotz allen Wettbewerbs ist das Verhältnis zueinander jedoch eher das einer Schicksalsgemeinschaft. Abken: „Im Notfall hilft jeder hier jedem.“

Uwe Abken 2 CR Antenne NiedersachsenDie größte Konkurrenz sieht er ohnehin eher in den Niederlanden mit ihren großen Reederei-Gesellschaften, den leistungsstarken Eurokuttern und modernster Fischerei- und Verarbeitungstechnologien. Dort würden seit Neuestem auch Techniken eingesetzt wie der Pulsfang, bei dem Krabben und Fische mit Stromschlägen aufgescheucht werden um die Ausbeute noch weiter zu steigern. Für das Verschwinden der Frischfische im Wattenmeer wie auch für die deutlich gesunkenen Bestandszahlen der Nordseegarnelen macht Abken daher auch diese industriellen Entwicklungen verantwortlich, nicht nur den massiv gewachsenen Seehundbestand oder den allseits beschuldigten Krabbenverschlinger, den Wittling.

Wieviel er an seinen Krabben verdient, dass kann Uwe Abken kaum kalkulieren. Die Preise erfährt er immer freitags, dann hat er die endgültigen Zahlen auf seinem Bildschirm auf der Polaris. Der Erzeugerpreis wird rückwirkend für die Woche bestimmt – und zwar vom niederländischen Monopolisten Heiploeg, der vor Kurzem von dem noch größeren Konzern Parlevliet geschluckt wurde. Denn in Holland beim Großabnehmer kommt am Ende noch so gut wie jeder Krabbenfang an, der an der ostfriesischen Küste gemacht wurde. Zwar geht die Fracht der Polaris zunächst an die zuständige Siebstelle der Erzeugergemeinschaft Deutsche Krabbenkutter in Neuharlingersiel, wo sie in drei Größen- und Preisklassen einsortiert wird, letztendlich landet der Großteil des Krabbenfanges an der ostfriesischen Küste dann doch fast immer beim niederländischen Nachbarn. Nur der hat die Kapazitäten und Ressourcen um innerhalb kürzester Zeit Millionen von Krabben zu verarbeiten und pfannenfertig auf den Tisch überregionaler Verbraucher zu bringen.

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Und noch etwas

Für Uwe Abken steht am 26. August ein ganz wichtiger Termin an: die jährliche Regatta der Krabbenkutter in Neuharlingersiel. Im letzten Jahr feierte die Traditionsveranstaltung das 50. Jubiläum mit tausenden Besuchern bei strahlend blauem Himmel. Auch in diesem Jahr wird er seine Polaris wieder festlich schmücken für das maritime Event des Jahres.

Die Kutterregatta ist eine Gemeinschaftsveranstaltung vom Fischerverein Neuharlingersiel e.V. und dem Kurverein Neuharlingersiel e.V, die 2017 am Freitag, den 25. August, ihren Auftakt feiert unter anderem mit dem Open Ship und der Krabbenpulmeisterschaft. Am Samstag, den 26. August, geht es ab 11 Uhr im malerischen Hafen mit den Wettrennen der Krabbenkutter weiter. Der Eintritt für Zuschauer ist kostenlos. Wer auf einem Schiff mitfahren will, sollte sich jedoch rechtzeitig anmelden!

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