Tödlicher Walfang im kalten Eismeer

„Fall Fall! Öwerall !“ Das war der Zauberruf der Grönlandfahrer, ihr Fang- und Warnruf gleichzeitig: „Er schlug kräftiger ins Blut als Donnerschlag und Feuerhorn.“ Wo auch immer sich die Besatzungsmitglieder während des Ausrufes auf dem Walfangschiff befanden – beim Essen, beim Gottesdienst oder in der Koje – stürzten sie sich sofort in die Schaluppen, die Fangboote.

Von Alfred Schmidt

Häufig noch in Unterwäsche, Jacke und Hose in der Hand, saßen die Walfänger schon am Ruder und konnten sich erst zwischen den Ruderschlägen vernünftig anziehen. Damals gab es auch noch keine Outdoor-Bekleidung. Aus festen Leinenhosen und Leinenjacken, der Stoff fast so dick wie die Segel der Schiffe, bestand die robuste Kleidung der Walfänger, die in einer sehr kalten Region ihre Arbeitsstätte hatten.

Bei der Besatzung in den Schaluppen entbrannte nun leidenschaftliches Jagdfieber und auch auf dem „Mutterschiff“, überwiegend Segelschiffe vom Typ „Fleuten“ oder „Fleutschiffe“, herrschte größte Anspannung. Auf dem höchsten Mast im „Krähennest“, der Ausgucktonne, saß der Kommandeur des Fangschiffes mit seinem Gucker und der „Flüstertüte“, einem Sprachrohr, und versuchte von dort aus den aufregenden Kampf mit dem Wal zu lenken. Alle anderen, die an Bord geblieben waren, kletterten in die Wanten und beobachteten das Spektakel mit dem tobenden Wal und das Mühen der Menschen in der Schaluppe, den Wal zu harpunieren. Angeblich soll selbst altgedienten Grönlandfahrern beim Anblick dieser gefährlichen spektakulären Tätigkeit noch die Luft weggeblieben sein:

Der Harpunier steht aufrecht vorne im Boot mit der Harpune in der Hand und gibt den Ruderern und dem Steuermann mit knappen Anweisungen die von ihm gewünschte Position, möglichst nahe am Wal, zu verstehen. Sobald seine Position günstig erscheint, wirft er die Harpune tunlichst dicht hinter dem Blasloch, der Nase des Wals. Da die anderen im Nordmeer vorkommenden Wal wie etwa Finnwale, schneller schwimmen und tauchen als der Grönlandwal, gilt der Fang ausschließlich den Grönlandwalen. Getroffen von der Harpune taucht der Wal in die Tiefe und schwimmt vor Schmerzen mit hoher Geschwindigkeit davon. Gleichzeitig rollt die an der Harpune befestigte Leine mit solcher Geschwindigkeit über den Steven – die Holzkante am Bug des Bootes -, dass er durch die Reibung heiß wird und mit Wasser gekühlt werden muss, um nicht in Brand zu geraten.

Nach und nach werden nun die sechs oder sieben Walleinen von je 120 Faden Länge – das sind zirka 220 Meter pro Leine – aneinander gespleißt. Unterdessen eilen weitere Schaluppen zur Unterstützung herbei. Irgendwann muss der Wal wieder an die Wasseroberfläche um Luft zu schöpfen und schießt dabei mit seiner gesamten Körperlänge aus dem Wasser. In den Fangbooten hoffen die Mannschaften inbrünstig, beim Aufschlagen auf dem Wasser nicht vom Wal zertrümmert zu werden. Schmerzerfüllt fängt der Wal jetzt an zu wüten und in seiner näheren Umgebung schäumt das Meer. Die Fluke, die Schwanzflosse, schlägt mit einer großen Wucht auf die Wasseroberfläche, dass der Knall noch in mehreren hundert Metern zu hören ist.

Fleuten beim WalfangInzwischen haben auch die Mannschaften der anderen Schaluppen sich an den Wal festgeschossen und werden nun von dem verwundeten Tier „schneller als ein Schiff segelt“ hinterher gezogen. Bei jedem Auftauchen gibt der Wal laute schnaubende Geräusche aus den Blaslöchern von sich. Dieses Auf- und Abtauchen wiederholt sich so lange, bis der Wal erschöpft ist und entkräftet an der Wasseroberfläche schwimmt. Diesen Zustand nehmen die Harpuniere zum Anlass, die Lanzen, welche die eigentlichen Mordinstrumente sind, in den Wal hinein zu stoßen. Immer wieder rammen sie die Lanzen in den Wal und versuchen dabei, möglichst dicht an die inneren Organe wie Herz und Lunge heranzukommen. Wenn sie dem Wal nicht rechtzeitig ausweichen, strömt das heiße Blut in die Schaluppen und ergießt sich über die Besatzung. Es beginnt der Todeskampf. Der Wal rafft seine letzten Kräfte zusammen und sein Blut spritzt meterhoch aus dem Blasloch, aus dem eigentlich kondensierte Atemluft herauskommt. Das Wasser um den Wal ist rot verfärbt und seine letzten Atemzüge sind gezählt.

Nach seinem Tod dreht sich der Wal auf den Rücken und die Unterseite befindet sich nun an der Wasseroberfläche. Er wird an das „Mutterschiff“ herangezogen und geflenst. Mit speziell angefertigten „Spikes,“ die unter den Schuhen gegurtet werden, balancieren die Speckschneider auf dem im Wasser liegenden Wal und trennen mit großen Flensmessern den Speck vom Walkörper.

Tranbrennen01In den ersten Jahren des Walfangs wurde der Wal an die Landstationen vor Spitzbergen geschleppt und dort geflenst und der Speck direkt zu Tran gebrannt. In den späteren Jahren wurde der Speck auf dem Schiff in Fässern abgefüllt und in den Heimathäfen in den Tranbrennereien zu Öl verarbeitet. Als in Emden zum ersten Mal eine Tranbrennerei auf einem Mühlenzwinger den Betrieb aufnahm, beschwerten sich viele Anwohner wegen des Gestankes, der sich auch in der frisch gewaschenen Wäsche, die auf den Bleichen zum trocknen lag, absetzte. Die Tranbrennerei musste deswegen an einer anderen Stelle aufgebaut werden.

Ein Grönlandwal wird 18 bis 22 Meter lang und wiegt bis zu 100 Tonnen. Allein in der Fangsaison des Jahres 1697 wurden durch 182 Schiffe verschiedener Nationen insgesamt 1888 Wale erbeutet. Er ist heute potenziell stark gefährdet.

Der Walfang war ein hartes Geschäft und viele Menschen ließen dabei ihr Leben. Häufig kam es vor, dass die Schiffe dem Wal in die Öffnungen von Eisfeldern hinterhersegelten und dabei passierte es nicht selten, dass durch Wind und Strömung sich die Öffnungen der Eisfelder wieder schlossen. Wurde dann nicht schnell genug gehandelt um sich etwa mit großen Sägen aus dem Eis zu befreien, gerieten die Schiffe in die sogenannte Eispressung und wurden regelrecht vom Eis zerdrückt. Mit viel Glück wurden die Besatzungen dann von anderen Schiffen aufgenommen. Auch Krankheiten wie Skorbut durch Vitaminmangel setzten den Walfängern häufig zu. Ein anderes Übel war das Kapern von Walfangschiffen durch andere Nationen. Das war für voll beladene Schiffe ein sehr großer Verlust. In Kriegszeiten wurden die Walfangschiffe deswegen von Konvoischiffen, die mit Kanonen bestückt waren, begleitet.

Walfaenger im Eis
Gefangen im Packeis

Der Walfang brachte nicht den gewünschten Reichtum, den man damals erhofft hatte, er brachte auch viel Elend und Not mit sich, allein durch die vielen Menschen die im Eismeer ihren Tod fanden. Hier sei allein das Unglücksjahr 1777 erwähnt, in dem von mehreren hundert schiffbrüchig gewordenen Walfangschiffen über 200 Schiffe verschiedener Nationen im Packeis verloren gingen und viele Menschenleben forderte. Der Walfang brachte aber vielen Walfängern Ruhm und Ehre und ihre Namen werden noch heute in den Geschichtsbüchern für ewig festgehalten.

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Und noch etwas

Alfred Schmidt ist in Ostfriesland und weit über Ostfriesland hinaus einer der renommiertesten Experten zum historischen Walfang. Den begeisterten Sammler aus Emden packte schon früh die Leidenschaft für das größte Säugetier der Meere. Was zunächst als Briefmarkensammlung mit Walmotiven für seine Tochter anfing, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer der größsten Privatsammlungen rund um das Thema Wale. Neben einer umfangreichen Bibliothek mit Fachliteratur und Büchern über Wale sind es vor allen Dingen die vielen und seltenen Bilder, die sie so einzigartig machen: von historischen Stichen und Abbildungen auf alten Ansichtskarten über Sammelbilder bis hin zu gedruckten Darstellungen von der Jagd in fernen Gefilden, die Ostfriesen über Jahrhunderte die Existenz sicherte.

In Fachkreisen ist Alfred Schmidt vor allen Dingen aber bekannt als Herausgeber der FLUKE, eines Fachmagazins zu Walen und Walfang, das zweimal im Jahr erscheint und Beiträge und Aufsätze verschiedenster Autoren und internationaler Fachleute enthält. Das Non-Profit-Magazin ist unter der ISSN-Nummer 1619-97X abrufbar, kann aber auch direkt bei Alfred Schmidt (alfred@schmidt-fluke.de) zum Preis von 10,70 Euro (inklusive Porto innerhalb Deutschlands) bezogen werden. Die nächste Ausgabe, Nr. 32, erscheint im September/Oktober 2017.

Für einen Artikel über den historischen Walfang hätte Ostfriesland Reloaded keinen besseren Autoren finden können. Danke, Danke, Alfred Schmidt!

Alfred Schmidt _Nordkaper
Walexperte Alfred Schmidt, Herausgeber der „FLUKE“
Bildnachweis: Alle Bilder zum historischen Walfang in diesem Themenschwerpunkt stammen aus der „Sammlung Alfred Schmidt“, die Aufnahme der historischen Knochen von Ostfriesland Reloaded.

 

 

 

 

 

 

 

 

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