Den Seehund im Visier: „Die seltsamste Jagd in Europa“

Täuschend echt sieht er aus, dieser Seehundskopf aus Holz. Wenn er auf dem Wasser schwimmt, ist er kaum noch zu unterscheiden von den lebenden Robben. Und schon war auch eine gefangen im Netz, das durch viele solcher geschnitzten Köpfe über Wasser gehalten wurde. Eine tödliche Falle für die neugierigen, aber auch scheuen Seehunde, die so ohne Argwohn angelockt wurden. Denn einmal im Maschenwerk verheddert, war kein Entkommen vor den Seehundjägern, die die Netze an Land zogen und ihre Beute dann mit einem Knüppel zu Tode schlugen.

Rauhe Sitten herrschten damals als der Seehundfang entlang der Nordseeküste noch ohne Rücksicht auf Bestand und Tiere praktiziert wurde. Das Fangen der Seehunde mit dem Netz und vor allen Dingen das anschließende Abschlachten ist eine besonders brachiale Jagdmethode, die auf den Ostfriesischen Inseln nicht praktiziert wurde, sondern wohl eine Spezialität von niederländischen Seehundjägern auf der Insel Schiermonnikoog war, die damit extrem viel Beute machten.

Der ostfriesische Seehundjäger hatte andere Praktiken, die allerdings auch auf gezielter Täuschung beruhten: Er versuchte durch Tarnkleidung und Imitation der Bewegung sich an die scheuen Tiere auf ihren Sandbänken heranzurobben, um sie möglichst nah vor die Flinte zu kriegen und durch einen gezielten Schuss zu töten. Manch Jäger trug dabei graue Kleidung und auch eine graue Kopfbedeckung, die er sich über das Gesicht zog, so dass nur noch seine Augen zu sehen waren. Andere zogen sich gleich ein echtes Seehundfell über die Schulter. Auch das schwierige Vorwärtsbewegen auf Sand, das sogenannte Huxen, wollte gelernt sein: das Übereinanderlegen und Anziehen der Beine, die Vorwärtsbewegung auf auswärts gestellten Händen.

Viele Jahrhunderte lang wurde der Seehund entlang der norddeutschen Küste vorwiegend zum Eigenbedarf als Nahrung für den heimischen Herd gejagt. Obwohl als Meeressäuger kein Fisch, wurde sein traniges Fleisch im 17. Jahrhundert häufig auf Fischmärkten angeboten, wie die bunten Marktbilder des flämischen Malers Frank Snyders belegen. Seehunde wurden auch zum Begleichen von Steuerschulden in Naturalien eingesetzt, wie einem der ersten schriftlichen Dokumente über die Seehundjagd in Ostfriesland, einer amtlichen Erinnerung der Fürstin Christine Charlotte von 1665 an die Borkumer Steuerpflichten, zu entnehmen ist.

Zum Vergnügen und Sport wurde die Seehundjagd erst mit dem Aufkommen des Tourismus an der norddeutschen Küste. Welche aus unserer heutigen Sicht absonderliche Blüten dieses trieb und welcher Zeitgeist hinter dieser damals sehr geschätzten und geachteten Freizeitgestaltung stand, das zeigt die Sammlung Alfred Schmidt aus Emden. Sie umfasst Hunderte von historischen Ansichtskarten, Holz- und Kupferstiche, Sammelbilder und Geldscheine, Briefmarken, Poststempel und unzählige andere Dokumente – wohl fast alles, was es im Zusammenhang mit Seehunden und der Seehundjagd an den deutschen Küsten und auch an anderen Meeren an Darstellungen in Text und Fotografie noch gibt. Schon als junger Mann packte Alfred Schmidt die Leidenschaft und er sammelte, was er finden konnte.

Ein Vermögen hat er mittlerweile für seine Kostbarkeiten ausgegeben, auf Versteigerungen, Nachlässen und in Antiquariaten wurde auch er zum „Seehundjäger“. In mehr als fünfzig Jahren ist mittlerweile eine einzigartige kulturhistorische Sammlung zu Seehunden und deren Jagd und Dressur entstanden, die bisher nur privat zugänglich ist. Für Ostfriesland Reloaded hat Alfred Schmidt sein gewaltiges Archiv geöffnet, aus dem hier nur ein ganz, ganz kleiner Teil gezeigt werden kann. Mehr nachzulesen und anzuschauen ist in seinem Buch Seehunde an den Küstengewässern der Nord- und Ostsee: ein Schatz für alle, die mehr über die ganz besondere Beziehung zwischen Seehund und Mensch im Laufe der Jahrhunderte erfahren wollen.

Insbesondere auf den Ostfriesischen Inseln entfaltete sich das Geschäft mit den Touristen und der Seehundjagd prächtig. Kein Panorama von der Nordsee auf der nicht die Robben auf ihren Sandbänken abgebildet waren. Das Nordseebad Borkum zelebriert auf Postkarten die Heimkehr von der Seehundjagd. Selbst Frauen und Kinder in weißen Rüschenkleidern präsentieren sich 1910 stolz hinter dem Karren mit der Seehundbeute: „Die Damen betasteten die glatten, dicken Thiere scheu mit spitzen Fingern“, heisst es in einer zeitgenössischen Borkumer Badezeitung.

Denn der Seehundfang war etwas für echte Kerle. Zudem galt die Seehundpirsch in Jägerkreisen als eine besonders exotische Form, sein sportliches Hobby zu betreiben. So findet sich in einem alten Bericht folgende typische Passage: „Als eifriger Jagdliebhaber wünschte auch ich nichts sehnlicher, als eines der fremdartigen Seeungeheuer zu erledigen, um das Fell als Trophäe mit heimzubringen und dann meine Großthaten den staunenden Jagdfreunden im heimathlichen Gebirge haarklein zu berichten, die ja zumeist nur ein Stückchen Seehundsfell auf die Schulränzchen ihrer Kinder gesehen hatten.“ Andere Zeitzeugen sprechen von „vielleicht die schönste – sicher aber die seltsamste Jagd in Europa“.

Die Begeisterung der meist vermögenden Kundschaft traf auf Inseljäger und Bootsfahrer, die mit den so jagdbesessenen Touristen ins Geschäft zu kommen gedachten. Insbesondere Norderney und Juist, die sich schon früh mit ihren Seebädern dem Tourismus öffneten und auch auf den umliegenden Sandbänken über einen großen Seehundbestand verfügten, bemühten sich aktiv um Kundschaft für diesen neuen Erwerbszweig. Auf Juist war beispielsweise auf dem Weg zum Strand eine große Werbetafel angebracht, die zur Seehundsjagd einlud. Auf Juist waren auch die Altmanns zu Hause, eine Seehundjägerfamilie, die seit Generationen schon auf Jagd nach den Robben ging und nun zu angesehenen Jagdführern für den Hochadel wurde. So soll sich Kaiser Wilhelm II. in Berlin bei einem Gespräch mit dem ostfriesischen Abgeordneten Fürst von Knyphausen persönlich sogar nach dem Seehundjäger Georg Altmann erkundigt haben. „Personal Hunting Coach“ würde man ihn heute wahrscheinlich nennen…

Auch auf Borkum genoß ein Seehundjäger legendären Ruf, weit über Ostfriesland hinaus: Hermann Akkermann. Er wurde sogar in einem Buch über die Hohe Jagd an der Nordsee gewürdigt. Es entstand auch eine Serie von Ansichtskarten.

Das Jagen auf Säugetiere als sportliches Freizeitvergnügen war nur deshalb möglich, weil die Seehundjagd viele Jahrhunderte nicht dem Jagdrecht unterlag, sondern als freier Tierfang galt. Kein Gesetz schützte die Seehunde, sie konnten von jedermann geschossen, in Netzen gefangen oder tot geknüppelt werden. Sie galten lange Zeit als Fischräuber und damit als Gefährder der Fischbestände und der Fischerei. So konnten sich die Jäger Anfang des 20. Jahrhunderts auch ohne Gewissensbisse und voller Stolz mit locker über die Schulter geworfenen Seehunden dem Fotografen präsentieren. Niedergestreckt unter dem tödlichen Gewehr zeigte eine Aufnahme von Langeoog das erlegte Tier auf einem Gruppenfoto mit Familienanschluss. Auf dem Bootsdeck präsentierten die Heimkehrer beim Einlaufen im Hafen öffentlich ihre Beute.

Es gab immer wieder Anläufe, die Tiere zu schützen und Verordnungen zum Wohl der Tiere und ihres Bestandes in der Nordsee zu erlassen, beispielsweise in den Zwanziger Jahren von Graf Inn- und Knyphausen. Doch ohne Erfolg. Erst 1934 änderte sich die Situation für die Seehunde. In mehreren Gesetzesnovellen führte man nun auch die Robben als jagdbare Tiere auf, die somit unter das Jagdgesetz kamen, mit entsprechender gesetzlicher Jagd- und Schonzeit. Seehundjäger benötigten nun einen Jagderlaubnisschein. Mit jährlichen Abschussquoten wurde der Bestand reguliert. Fortan war es mit dem sportlichen Vergnügen vorbei und den Fahrten der Lustkutter zu den Seehundbänken vor den Ostfriesischen Inseln und der Küste. 1973 ist die Jagd auf Seehunde in Niedersachsen endgültig eingestellt worden.

Zu der Kulturgeschichte der Seehunde gäbe es noch Vieles mehr zu berichten. Denn nicht nur als Jagdtrophäe, sondern auch zur Unterhaltung im Varieté, Zirkus oder Zurschaustellung, waren die pussierlichen Seehunde zu manchen Zeiten sehr beliebt. Auch das Tran der Seehunde wurde lange Zeit überaus geschätzt: als Lederschmiere zur Schuhpflege – „Marke Seehund“.

 

Seehundsjagd 10a

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Ostfriesland Reloaded dankt Alfred Schmidt sehr für die Genehmigung, ausgewählte Objekte seiner Sammlung hier präsentieren zu dürfen. Unbedingt empfehlenswert ist sein Buch:
Seehunde an den Küstengewässern der Nord- und Ostsee
Eine kulturhistorische Bilderreise in die Vergangenheit
Seehunde – Seehundsjagd – Seehunddressur
24,00 Euro zzgl. Versandkosten
Im Selbstverlag – Cachelotpresse
Alfred Schmidt – Am Delft 26 – 26721 Emden
E-Mail: alfred@schmidt-fluke.de

 

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