Zur ewigen Ruhe in den Schlosspark von Lütetsburg

Im Mai erst wurde er eröffnet, aber bereits jetzt ist das Interesse schon groß: Der Begräbniswald Waldfrieden im Schlosspark Lütetsburg stößt auf rege Nachfrage, Führungen durch das Friedshofsareal mit den altehrwürdigen Bäumen sind begehrt und schon auf Wochen ausgebucht. Die Eigentümer, die Familie zu Inn- und Knyphausen, haben mit ihrer Entscheidung, einen Teil ihrer Parkanlage für die neue und boomende Form der Waldbestattungen freizugeben, scheinbar einen Nerv unserer Zeit getroffen. Zwischen dem Golfplatz und dem öffentlich zugänglichen Schlosspark findet sich nun ein weiterer Bereich im weitläufigen Lütetsburger Schlossgelände, der der ewigen Ruhe Verstorbener gewidmet ist. Bisher galt dies nur für die Insel der Seligen, auf der seit vielen Jahrhunderten die Familienmitglieder des alten Adelsgeschlechtes bestattet werden.

Betreiber des neuen öffentlichen Waldfriedhofs ist die Waldfrieden & Küstenfrieden GmbH, die an vier Standorten in Norddeutschland Begräbniswälder führt, mit dem Lütetsburger nun den ersten in Ostfriesland. Die Idee der Begräbniswälder kommt ursprünglich aus der Schweiz und wurde 2001 erstmals in Deutschland angeboten. Mittlerweile gibt es zahlreiche private Anbieter von Waldbestattungen. Auch immer mehr Kommunen offerieren als Alternative zum traditionellen Begräbnis die Urnenbestattung unter Bäumen. Für die ostfriesische Halbinsel listet aeternitas, die Verbraucherinitiative Bestattungskultur, beispielsweise Wilhelmshaven, wo die die zentrale Friedhofsverwaltung seit 2009 die Baumbestattung ermöglicht.

Der neue Lütetsburger Waldfriedhof erstreckt sich über ein lang laufendes Areal am äußersten westlichen Ende des Schlossparks, direkt neben dem Golfplatz. Erreicht wird er über eine beeindruckende Allee aus hohen Kastanienbäumen, die vom Haupteingang des Schlossparks zum Eingangsbereich des Waldfriedhofs führt. In Höhe des Aussichtspunkts Theda-Blick markiert eine Tafel den Eingang  zum Friedhofsgelände. Durch lichten Wald schwingt sich ein etwa zwei Kilometer langer Rundweg. Dieser umfasst insgesamt zweihundert für eine Bestattung markierte Bäume. Zu erkennen sind sie an einem kleinen weißen Schildchen, das am Stamm befestigt ist und mit dem die Bäume durchnumeriert sind. Diese Numerierung erleichtert die Auswahl und trauernden Angehörigen und Besuchern das Finden des jeweiligen Bestattungsbaumes.

Seine letzte Ruhestätte kann man unter einem dichten Eichendach oder hellen Buchenblättern wählen. Aber auch Maronen- und Ahornbäume finden sich im Waldgelände. Die Bestattung erfolgt nach der Friedshofssatzung, die die Samtgemeinde Hage speziell für den Begräbniswald von Lütetsburg erstellt hat. Es sind Einzel- , Familien- oder Gemeinschaftsgräber möglich. Demnach und auch nach dem Alter des Baumes richtet sich dann der Preis. Eine Rolle spielt auch, ob die Begräbnisstätte unter dem Baum für einen konkreten Sterbefall benötigt wird oder vorsorglich im Voraus – und damit auch länger – gebucht wird. Im Sterbefall kostet ein noch junger Baum mit einem Alter von bis zu 40 Jahren bei 20jährigem Nutzungsrecht für eine Einzelgrabstätte beispielsweise 470 Euro. Wählt man für dieses Beispiel einen Baum, der älter ist als 120 Jahre, liegt der Preis bei 990 Euro. Das Nutzungsrecht kann für eine Gemeinschafts- oder Familiengrabstätte bis zu 99 Jahre betragen und ist damit deutlich länger als bei einem traditionellem Grab – allerdings auch zu einem deutlich höheren Preis von maximal bis zu 8.950 Euro für alte Baumriesen ab 121 Jahren.

Die Urne mit der Asche der Verstorbenen ist biologisch abbaubar und wird in Lütetsburg zum Schutz vor Wild in 50 Zentimetern Tiefe beigesetzt. „Am Tag der Beisetzung selbst sind Blumen und Kränze selbstverständlich erlaubt, aber nach drei Tagen müssen wir den Trauerschmuck leider entfernen“, erläutert Angela Goll von der Waldfrieden & Küstenfrieden GmbH.  „Wir wollen den naturnahen Charakter des Begräbniswaldes erhalten.“ Wie in anderen Begräbniswäldern üblich ist daher auch in Lütetsburg keine Grabgestaltung durch Bepflanzung, einen Grabstein oder das Ablegen von Blumenschmuck erlaubt. Die Bestattung kann anonym oder auf Wunsch mit namentlicher Erinnerungsplakette erfolgen.

In der Bestattungskultur hat sich in den letzten Jahren ein deutlicher Wandel vollzogen bestätigt auch aeternitas: „War früher die Sargbestattung in Deutschland nahezu selbstverständlich, werden heute rund die Hälfte aller Verstorbenen eingeäschert und in der Urne beigesetzt.“ Begräbniswälder verstehen viele Menschen als zeitgemäße Ergänzung althergebrachter Bestattungskonventionen. Da Baumgräber nicht gepflegt werden müssen, kommen sie einer Gesellschaft entgegen, in der die Hinterbliebenen zunehmend an anderen Orten wohnen wie die Verstorbenen oder Menschen ohne Kinder ihre Grabpflege selbst organisieren müssen. Auch ein tiefer persönlicher Bezug zur Natur und dem Wald kann sich hier in aller Ewigkeit entfalten. Hinzu kommt, dass ein Baumgrab billiger ist als eine traditionelle Sargbestattung, denn die Kosten für Grabstein und Grabpflege entfallen.

So zieht es viele momentan in den Waldfriedhof des Lütetsburger Schlosses, um sich ein Bild zu machen von der neuen Alternative, die sich in der Region nun auftut. Auch Gisela und Jürgen Tjaden vom Oll Reef Hus-Museum in Großefehn, die an den Bänken des Andachtsplatzes mit dem großen Kreuz ihre Blicke und Gedanken schweifen lassen. Andere wiederum werden durch ihren Partner veranlasst, hierher zu kommen und sich mit den oft verdrängten Fragen auseinanderzusetzen. Viele erweitern auch einfach ihren Sonntagsausflug in den romantischen Schlosspark Lütetsburg um einen Abstecher zum neuen Friedhofsareal. Denn eines kann man mit Sicherheit sagen: Diese Begräbnisstätte im Wald –  gelegen in direkter Nachbarschaft zu der paradiesischen Gartenanlage des Schlosses – gehört sicherlich zu den Schönsten, die man in Deutschland für Naturbestattungen finden kann.

Das ist dann aber auch gleich das Handicap, um in der Sprache des benachbarten Golfplatzes zu bleiben: Denn wer den Waldfriedhof „am“ Schlosspark Lütetsburg ohne Führung betreten will, muss erst einmal die üblichen zwei Euro Eintritt für den Park berappen, denn erst „im“ Park  kann er überhaupt zum Friedhofswald gehen. Klar ist auch noch nicht ganz, wie mit den Trauernden der Baumbestatteten umgegangen wird. Zwar erhält jeder oder jede Hinterbliebene eine Dauerkarte mit freiem Eintritt, aber eben nur eine. Wie ist es denn mit allen anderen, dem Rest der Familie oder denjenigen, die das Grab eines lieben Menschen später Mal besuchen wollen? Müssen die alle in Zukunft Eintritt für den Friedhof bezahlen? Hier, findet jedenfalls Ostfriesland Reloaded, ist noch ein wenig Handlungsbedarf.

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Der Begräbniswald Waldfrieden Lütetsburg kann im Rahmen der gültigen Öffnungszeiten und Eintrittspreise für den Schlosspark Lütetsburg ohne Führung besichtigt werden. Führungen und Informationsmaterial sind auf Anfrage hier erhältlich:
Waldfrieden Lütetesburg
Landstr. 55
26524 Lütetsburg
Tel.: +49 (0)4532 – 26 79 375
Fax: +49 (0)4532 – 26 79 377
www.waldfrieden-luetetsburg.de
www.begraebniswaelder.de

 

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