Es grünt so grün: Gartenträume von gestern, heute und in alle Ewigkeit

Schwarz, Rot, Blau – das sind die Farben der ostfriesischen Flagge. Dabei ist es eigentlich das Grün, das das Land weit und breit dominiert. Besonders jetzt, Mitte Juni, schweift der Blick über sattgrüne Marschfelder, vorbei an dichte Wallhecken und durch lange Baumalleen. Überall wächst und gedeit die Flora prächtig, brummen rasenmähende Gartenroboter, werden die Gärten vor den schmucken Klinkerhäusern sommerlich herausgeputzt. Nichts macht einen Ostfriesen glücklicher als am Samstag mit Hingabe den Rasen zu mähen, die Graskanten der kleinen Straßengräben vor dem Haus wenn nötig mit der Nagelschere zu stutzen und auch das letzte Fitzel Unkraut aus dem Blumenbeet zu reißen. Was dem Schwaben seine Kehrwoche, ist dem Ostfriesen sein Grün im Vorgarten, das gepflegt wird wie der „heilige Rasen“ in Wimbledon. Sein Gras vor dem Haus nicht regelmäßig zu stutzen, das ist in Ostfriesland ein absolutes „No Go“ – das geht gar nicht.

Wettrüsten im Garten oder „Irgendein Depp mäht irgendwo immer…“

Ein Blog aus Holtgast hat mal sehr amüsant den kleinkriegsähnlichen Zustand beschrieben, der an Samstagen in dem Straßendorf in der Nähe von Esens regelmäßig ausbricht: Das Wettrüsten mit immer größeren und lauteren Aggregaten ist in vollem Gange. Und die laufen vom späten Winter übers Frühjahr, den Sommer und bis in den Herbst hinein fast jeden Tag, für den guten nachbarlichen Eindruck. Der Lärmpegel in bestimmten Bereichen Holtgasts, nur wenige Schritte vom Hause des Bürgermeisters entfernt, ist gewaltig. Stille Nachmittage im Garten bei schönem Wetter sind die Ausnahme, Vogelgesang oder Insektensummen gehen im ständigen Maschinengedröhn unter. Moderne Aufsitzmäher wummern wie das Triebwerk eines Kleinflugzeuges, bei einigen Rasenmähern fragt man sich, ob der Auspuff abgerostet ist. Fangen mehrere Nachbarn gleichzeitig mit ihren Mähern an, wähnt man sich auf einem Militärflugplatz. Holtgast ist ein für Ostfriesland typischer Schlaf- und Wohnort:

Titelbild Man wohnt überwiegend in Einfamilien-Häusern mit mehr oder weniger großen Gärten. Und die sind gepflegt, sehr gepflegt bis überpflegt, ostfriesisch akkurat eben. Standard: kurze Rasen, Tujahecken und Blumen, die der Baumarkt anbietet. Kein Raum für Wildwuchs, auch Gänseblümchen und Löwenzahn haben in den Gärten kaum eine Chance…

 

Von den Leiden- und Feindschaften, die beim Pflegen des heimischen Rasengrüns entstehen können, berichtete auch jüngst der Spiegel Online-Blog GESÄGT, GETAN. Autor Benjamin Schulz hat sich unter die wahren Rasenexperten des Landes begeben und sich dort exklusive Pflegetipps geholt: eine Reise in die fabelhafte Welt von Gießen, Mähen und Düngen.

Wiesmoor – die „Blüte Ostfrieslands“

Bei so vielen passionierten Gärtnern unter der Bevölkerung wundert es nicht, dass mit der absolut gigantischen Wiesmoor-Gärtnerei einer der bundesweit größten Anzuchtbetriebe für blühende Zimmerpflanzen, Balkonpflanzen und Blütensträuchern in Containern in Ostfriesland seinen Sitz hat. Die Wiesmoor-Gärtnerei und Baumschule GmbH weist eine gewaltige Gewächshausfläche von etwa 85.000 m² auf, in denen jährlich 4,5 Millionen Pflanzen produziert werden. Die angegliederte Baumschule hat insgesamt eine Fläche von mehr als 100 Hektar, auf der überwiegend Moorbeet-Pflanzen gedeihen. Der Bestand an Rhododendren umfaßt rund eine Viertelmillion Exemplare. Angefangen hatte alles ein Mal 1925, als man mit der Abwärme eines Kraftwerks, das mit Torf aus einem nahegelegenen Abbaugebietes betrieben wurde, Gewächshäuser beheizte.

RhododendronDas Torfkraftwerk Wiesmoor ist längst Geschichte und auch vom ursprünglichen Gemüse- und Obstanbau hat man in den sechziger Jahren dann auf Zierpflanzen umgestellt. Bekannt ist Wiesmoor heute für sein Blütenfest, das in diesem Jahr vom 31. August bis zum 4. September zum 66. Mal statt findet. Zu den Höhepunkten gehören dabei der Corso, ein Umzug durch die ganze Stadt mit prachtvoll geschmückten Blumenmotivwagen am 3. September, sowie die Wahl der Wiesmoorer Blütenkönigin und ihrer zwei Prinzessinnen. Die Gekürte darf sich dann in der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Königinnen e.V. – die gibt’s wirklich – einbringen!

Die große Vielfalt: berühmte und versteckte Gartenparadiese

Neben dem Baumarkteinerlei gibt es im Land zwischen Dollart und Jadebusen aber auch überaus kreative und kunstvoll angelegte Privatgärten. Dem Gartenarchitekten Antonius Bösterling ist es zu verdanken, dass diese im Westen der Halbinsel der Öffentlichkeit zeitweise zugänglich sind. Er ist Begründer der GartenRoute Krummhörn, Ostfriesland, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Von März bis Okober können Gartenliebhaber ausgesuchte Gärten in der Region zwischen Emden, Norden und Greetsiel besuchen: Gartenbesitzer öffnen die Pforten ihrer privaten Paradiese. 16 Gärten sind es mittlerweile, darunter zwei so genannte Lost Gardens. Das sind Gärten, die an vergangene historische Pracht erinnern: So beispielsweise an das verloren gegangene Schloss Berum mit dem späteren Amtsgericht Berum in der Vorburg und seinem angeschlossenen Gefängnishof, in dem sich heute ein zauberhafter Mauergarten verbirgt.

Oder an die Osterburg von Groothusen, bei der man sich auf Spurensuche nach der ehemaligen Gestaltung des Landschaftsparks machen kann und dabei einer der schönsten barocken Lindenalleen auf 240 Metern Länge entlang flaniert. Eine Vielzahl von New Cottage Gardens gehören zum umfangreichen Programm, auch Künstlergärten wie etwa der von Gudrun Greven von der aus Funk und Fernsehen bekannten friesischen Fliesenmanufaktur in Loquard.

Lütetsburg: Insel der Seligen
Lütetsburg: „Insel der Seligen“

Natürlich darf auch der größte englische Landschaftsgarten im norddeutschen Raum, der Schlosspark Lütetsburg nicht in der GartenRoute Krummhörn, Ostfriesland fehlen. Dort befindet sich seit kurzem auch der einzige Waldfriedhof Ostfrieslands für die ewige Ruhe unter den Baumriesen der romantischen Gartenanlage. Im Gegensatz zum Schloss Gödens im friesischen Sande, das immer nur zur exquisiten Gartenausstellung Landpartie in das Schlossgelände einlässt, ist der Lütetsburger Prachtgarten für die Öffentlichkeit fast das ganze Jahr über zugängig. Die beiden großen unter den Gärten der Nordsee eint, dass sie von einer professionellen Eventagentur gemanagt werden und im Jahresverlauf mit vielen unterschiedlichen Höhepunkten aufwarten. Hier empfiehlt sich ein Blick auf die jeweiligen Websites.

Neben der GartenRoute Krummhörn, Ostfriesland, empfiehlt sich für Gartenfans auch eine literarische Reise durch die Region. Denn mit Gärten in Ostfriesland hat Cordula Hamann im Verlag Edition Temmen einen wundervollen Bildband herausgebracht, der durch die Gartenparadiese der ostfriesischen Landschaft führt. Denn das Land am Meer ist unerwartet vielfältig grün bis hin zum Garten mit Großskulpturen aus Stahl. Ostfriesland – ein einziges Gartenreich.

Cover Gaerten in Ostfriesland

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