David Fabricius: Lange im Schatten, jetzt ein leuchtender Stern am Astronomenhimmel

Noch heute erzählt man sich in seiner Heimat die Geschichte vom berühmten Gelehrten und Pastor, der mit den Größten seiner Zeit korrespondierte, spektakuläre Entdeckungen am Himmel machte und schließlich mit einem Torfspaten von einem Gemeindemitglied erschlagen wurde. Den hatte er in öffentlicher Predigt zuvor des Diebstahls einer Gans verdächtigt und damit anscheinend gehörig in Wallung gebracht. David Fabricius hätte es eigentlich besser wissen müssen. Denn sein persönliches Horoskop sagte für diesen Tag gar Schreckliches voraus. So blieb er auch vorsichtshalber zu Hause. Erst am Abend ging er zu einem Spaziergang vor die Tür. Ein großer Fehler. Nur ein paar Meter und dann schlug der Zornige zu…

Das ist auf den Tag genau 400 Jahre her: Am 17. Mai 1617 – nach heutigem gregorianischen Kalender – starb einer der größten Astronomen Europas und einer der vielseitigsten Naturforscher seiner Zeit. Zuhause war er mit seiner Familie in Ostfriesland: Nach einer kurzen Station im Flecken Resterhafe bei Dornum lebte er ab 1604 in einem kleinen Ort zwischen Marienhafe und Norden, der einer der mächtigsten Kirchen der Region besaß: die Warnfried-Kirche in Osteel.

Historische Ansicht Kirche
Historische Ansicht Warnfried-Kirche

Dieser stand David Fabricius bis zum tragischen und jähen Ende seines Lebens als Pastor einer evangelisch-lutherischen Gemeinde vor. Genau hier machte er seine vielen astronomischen Beobachtungen, nebenberuflich und fernab der damaligen Wissenschaftshochburgen. Ein Amateur-Astronom in der tiefsten Provinz, der bahnbrechende Entdeckungen machte, aber nie den ganz großen Ruhm einsteckte wie etwa ein Johannes Kepler, dem späteren astrologischen Berater Wallensteins, mit dem er unablässig über naturphilosophische und astronomische Fragen korrespondierte.

David Fabricius entdeckte den ersten veränderlichen Stern (Mira Ceti), sogar einen ganz neuen Stern (Nova von 1604) und schließlich gemeinsam mit seinem Sohn Johann 1611 die Sonnenflecken. Darüber hinaus zeichnete er die erste, vermessungstechnisch korrekte Karte Ostfrieslands (1589). Er schrieb mehrere Bücher zur Landeskunde seiner Heimat und ferner Länder. In seinem Calendarium Historicum erfasste er über einen Zeitraum von 27 Jahren täglich die Wetterphänomene seiner Zeit, ein einmaliges historisches Dokument der Meteorologie.

Das an Erkenntnissen reiche Leben des David Fabricius ehrte die Ostfriesische Landschaft, die Kultur- und Wissenschaftsbehörde der Region, am 13. Mai 2017 mit einer festlichen Jubiläumsveranstaltung. Das traditionelle Oll’Mai-Fest, zu dem Ostfrieslands Stände in früheren Jahrhunderten am Upstalsboom, dem Symbol der Friesischen Freiheit, zusammenkamen, fand in diesem Jahr in der altehrwürdigen Backsteinkirche von Osteel statt, der Wirkungsstätte des großen ostfriesischen Naturwissenschaftlers. Hier hat er gepredigt und geforscht, in einem Kirchenbau von ehemals noch gewaltigeren Ausmaßen.

Fabricius-Denkmal OsteelAm Originalschauplatz kann man ihm noch ein wenig nachspüren, dem umtriebigen Geist des forschenden Kirchenmanns. Es gibt kein Bild von David Fabricius. Auch das Denkmal, was ihm und seinem Sohn zu Ehren am Ort seines Wirkens vor der uralten Kirche in Osteel errichtet wurde, zeigt nicht ihn, sondern die Muse aller Astronomen: Urania. Die griechische Göttin, die sonst einen Himmelsglobus und einen Zeigestab in ihren Händen hält, ist hier dargestellt mit Fernrohr und einer steinernen Sonne – natürlich mit Flecken auf der Scheibe.

David Fabricius stand in regem Kontakt mit den wissenschaftlichen Größen seiner Zeit: mit dem dänischen Astrologen Tycho Brahe und dem berühmten Johannes Kepler. Von der Korrespondenz mit Kepler sind heute 49 Briefe erhalten, die alleine schon 400 Buchseiten füllen würden. Wobei Briefe eine Untertreibung ist. Regelrechte wissenschaftliche Abhandlungen haben die beiden miteinander ausgetauscht. „Es gibt keine Person, mit der Kepler ausführlicher korrespondiert hat“, betont Menno Folkerts, Professor für die Geschichte der Naturwissenschaft an der Universität München.

Fabricius, auch Astrologe für Jahresprognosen und Horoskope

Den Fabricius-Experten Folkerts beeindruckt vor allen Dingen die große Vielfalt seines Schaffens. „Entsprechend der Sitte seiner Zeit, hat Fabricius auch Kalender und Jahresprognostiken, das heißt Vorhersagen für das kommende Jahr, verfasst. Sie enthalten Angaben über Lauf und Stellung von Sonne, Mond und Planeten und geben, darauf aufbauend, an, welches Wetter und welche wirtschaftlichen, politischen und sonstigen Ereignisse im nächsten Jahr zu erwarten sind. Erhalten sind sechs Prognostiken.“ Aus der letzten, dem „großen Schreib Calender“ für 1618, der lange als verschollen galt und von Folkerts wieder entdeckt wurde, ist auch das bis dahin unbekannte Todesdatum seines Sohnes zu entnehmen und die Trauer über den plötzlichen Verlust:

Mein Sohn Johannes, der die Medizin und die mathematischen Wissenschaften sehr studiert hat und der meine Arbeiten fortsetzen sollte, ist auf seiner Reise nach Basel, wo er in Medizin promovieren wollte, am 10. Januar 1617 in Dresden kurz nach seinem 30. Geburtstag gestorben. Dies hat mir und meinen Studien einen merklichen Stoß versetzt und mich zu denselbigen ganz unlustig gemacht.

David Fabricius glaubte an den großen Einfluss der Planeten und ihrer Konstellationen auf die Witterung und auf das Geschehen auf der Erde. Er war ein Astro-Meteorologe. Günther Oestmann, ein Bremer Historiker und Experte zur Geschichte der Astrologie und Chronometern, erläutert: „Der Himmel war für Fabricius ein aufgeschlagenes Buch um im Willen Gottes zu lesen, die Astrologie eine göttliche Kunst.“ Auch die Erstellung von persönlichen Horoskopen war für ihn eine ernstzunehmende Angelegenheit, denn im Gegensatz zu heute war die Astrologie zur damaligen Zeit in der Gesellschaft sehr anerkannt. Sie setzte eine tiefe Kenntnis der Astronomie, der Regeln der Mathematik und auch des Lateinischen voraus, das die internationale Wissenschaftssprache darstellte. Im Gegensatz zur Astronomie war die Astrologie jedoch eine Arbeit, die man mit Zirkel und Lineal vom Schreibtisch aus erledigte. Hierbei ging es nicht um die Beobachtung des Sternenhimmels, sondern um die Interpretation von Planetenkonstellationen und Sternbildern an einem bestimmten Ort, einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde. Nichts anderes als „Stundenschau“ bedeutet „Horoskop“ denn auch in seiner wörtlichen Übersetzung.

Fabricius, der erste Kartograf Ostfrieslands 

Die Ostfrieslandkarten von David Fabricius waren lange Zeit unbekannt. Viel verbreiteter waren die späteren Karten von Ubbo Emmius, dem Gründer der Universität Groningen. Dabei ist David Fabricius der erste, der eigene Erhebungen und astronomische Positionsbestimmungen vorgenommen hat, wodurch seine Karten für ihre Zeit ausgesprochen genau waren. Bereits seine älteste Karte aus dem Jahr 1589 zeichnet sich durch ihre relativ genaue Darstellung des Küstenverlaufs und durch eine Fülle von Detailinformationen aus. Sie wurde erst 1962 in einem Antiquariat in Göttingen wiederentdeckt.

Ostfrieslandkarte_Fabricius 1589

Das Original befindet sich heute im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden, das Ostfriesland Reloaded diese Aufnahme zur Verfügung gestellt hat. Es ist das einzige Exemplar dieser Karte, das noch erhalten ist und dementsprechend ein wohlgehüteter Schatz, der nur ganz selten öffentlich gezeigt wird – wie beispielsweise auf der großen Jubiläumsveranstaltung in Osteel.

Fabricius, der Schriftsteller von Heimat- und Reiseliteratur

ReiseliteraturKurios ist noch ein anderes Talent des Universalgenies David Fabricius. Obwohl er in seinem Leben nicht viel gereist ist, hat er historische Schriften über West-Ostindien (1612) sowie Island und Grönland (1616) verfasst. Dabei handelt es sich um kleine Reisebeschreibungen der sehr fernen Regionen, für die er beispielsweise spanische, französische, italienische und holländische Reiseberichte aus dem 16. Jahrhundert nutzte. Auch die Übersee-Aktivitäten in den benachbarten Niederlanden dürfte er genau beobachtet haben, etwa die Gründung der „Vereinigten Ost-Indischen Kompanie“ (1602). Zur heimatlichen Landeskunde hat er ebenfalls beigetragen und eine ostfriesische Chronik verfasst (1606).

Fabricius und sein berühmtes Tagebuch, das „Calendarium Historicum“

Fabricius besaß eine große Bibliothek, astronomische Instrumente und jede Menge Manuskripte seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Nichts davon hat sich erhalten, mit einer Ausnahme: sein Tagebuch. Laut Folkerts wurde es im 18. Jahrhundert auf einer Auktion angeboten. Heute befindet sich das mehr als vierhundert Jahre alte Calendarium Historicum im Staatsarchiv Aurich. Die bibliophile Kostbarkeit diente ursprünglich einem belgischen Kloster als Sterberegister, verfügte aber ganz praktisch über 32 linierte Zeilen pro Seite: wie maßgeschneidert für 31 Tage eines Monats! Die Tagebucheinträge von Fabricius sind persönlicher Natur, in einem Gemisch aus niederdeutsch und lateinisch verfasst. Die meisten von ihnen betreffen Witterungsvorgänge.

David Fabricius gehört zu den ersten Personen in Europa, die über einen längeren Zeitraum Wetterbeobachtungen durchgeführt und aufgezeichnet haben. Daher ist das Calendarium Historicum ein wahrer Schatz für die Historiker unter den Meteorologen, so auch für Cornelia Lüdecke, einer Professorin aus München. Die Eintragungen im Calendarium Historicum reichen von März 1586 bis Januar 1613. Auch wenn es einige Lücken gibt, vor allem in den Jahren 1586-1589 und 1591-1592, ist dieses Buch ein einmaliges Dokument, das genauestens das Wetter in Ostfriesland um 1600 festhält.

Lüdecke fasziniert der Sprachreichtum mit dem Fabricius seine Beobachtungen der Wetterlage festhielt. Denn wir befinden uns in der „vorinstrumentellen Zeit“. Thermometer, Barometer und andere Messinstrumente waren noch nicht erfunden. Es blieben oft nur Worte: „Des Morgens ebene Wolken zum Regen entwickelt“ etwa. Inhaltsanalysen des gesamten Tagebuches zeigen, dass Fabricius 175 verschiedene Bezeichnungen für Frost und Kälte fand. Auch für die etwas wärmeren Tage im Jahr war er ein kreativer Meister der Wortfindung: „feinwarm“ heißt es da an einem Sommertag. Allein für die Windstärke finden sich im Tagebuch 66 verschiedene Bezeichnungen. Die Aufzeichnungen von Fabricius dokumentieren auch die Kleine Eiszeit in Europa. Es gibt sehr unterschiedliche Ausschläge in den fast 27 Jahren der Dokumentation, mal wärmere Jahre, dann wieder kältere. Aber insgesamt zeigt sich, dass die Sommer in Ostfriesland damals nicht so ausgeprägt waren wie heute.

Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, freute sich sehr auf seiner Veranstaltung in Osteel neben der Karte mit dem Calendarium Historicum auch eines der berühmtesten Bücher Ostfrieslands, das letztes Jahr aufwändig restauriert wurde, im Original zeigen zu können: beide Werke wieder an ihrem Ursprungsort vereint, das ist ein ganz seltenes Ereignis. Zur Zeit arbeitet eine Expertengruppe daran, das Tagebuch von David Fabricius zu transkribieren, ins Hochdeutsche zu übersetzen und auch zu kommentieren. Ende nächsten Jahres soll das mehrbändige Werk dann fertig sein und voraussichtlich von der Ostfriesischen Landschaft veröffentlicht werden. So werden wir vielleicht bald schon noch mehr Details über das Leben eines Menschen erfahren, der zu den wichtigsten Naturwissenschaftlern seiner Zeit gehörte und dem nun endlich nach vierhundert Jahren die Aufmerksamkeit zukommt, die er verdient.

Eine historische Figur von bedeutendem Gewicht

Fabricius, am 9. März 1564 im ebenfalls ostfriesischen Esens als Sohn eines Schmieds geboren, starb im Alter von 53 Jahren. Der alte julianische Kalender nennt statt dem 17. den 7. Mai 1617 als Todestag, nur vier Monate nach dem frühen Tod seines Sohnes Johann. Wo genau Fabricius begraben wurde, ist unbekannt. „Möglicherweise sogar in der Nähe des heutigen Denkmals in Osteel“ wie Folkerts vermutet. Nach seinem Tod musste seine Familie die Pastorenwohnung in Osteel verlassen, über ihr Schicksal weiß man nichts.

Folkerts hat noch eine ganz überraschende Information im Gepäck: „Auch wenn wir nicht wissen, wie er aussah, so haben wir recht genaue Angaben von seinem Gewicht.“ Das hat er mit Eintrag vom 1. April 1612 und im Alter von 48 Jahren in seinem Calendarium Historicum ganz genau festgehalten. Eine ungewöhnliche und ungemein persönliche Auskunft einer historischen Figur, die uns David Fabricius nochmals als Mensch sehr nahe bringt. Übersetzt ins Hochdeutsch heißt es da:

In Emden auf der Waage mich wiegen lassen und befunden worden 187 Pfund (…). Ich habe vorher meine Kleider abgewogen auf 14 Pfund, bin also nackend 173 Pfund.

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