Wasserreich Nordsee: Wir erleben die blaue Revolution

Es ist schon paradox: Viel Wasser umgibt Ostfriesland. Ohne schützende Deiche und Entwässerung über Kanäle und Siele würde die Halbinsel förmlich absaufen. Aber die Meeresenergie der Nordsee kann sie sich nicht zu Nutze machen. Weder Gezeitenhub-, noch Gezeiten- und Strömungskraftwerke sind lohnenswerte Ansätze. Dazu ist die Strömung vor Ort zu schwach und der Unterschied zwischen Ebbe und Flut an den meisten Stellen zu niedrig, um eine ausreichend hohe Kilowatt-Ausbeute zu erzielen. Der mittlere Tidenhub (MTHB) beläuft sich zwischen 2,5 und 2,9 Metern. Im Vergleich zu Stellen an der britischen Küste, zu Kanada, Indien oder der französischen Bretagne mit Werten zwischen 6 bis 12 Metern Unterschied zwischen Ebbe und Flut ist das einfach zu wenig. Auch ist an allen ostfriesischen Küstenabschnitten – mit Ausnahme der Osterems – das Wasservolumen, das pro Tide jeweils bewegt wird und damit auch die rein rechnerisch zu erzielende Energiemenge, viel zu gering. Das Potential für eine Nutzung von Tidenhub und Strömung sei praktisch ausgeschlossen. Zu diesem Ergebnis kam 2010 der Endbericht einer Studie zur Nutzung der Meeresenergie in Deutschland, die für das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit erstellt wurde.

Ein wenig Hoffnung, wenn auch sehr geringe, hatte man sich zumindest noch auf die Wellenenergie gemacht: „Da Wellen eine unerschöpfliche Form der Meeresenergie darstellen, hat die Forschung auch auf diesem Gebiet Prototypen entwickelt. Schätzungen zufolge könnte eine Wellenbewegung von fünfzehn bis dreißig Kilowatt pro Meter Küstenlinie auf einem Küstenabschnitt von bis zu sechzig Kilometern ein Kohle- oder Kernkraftwerk ersetzen. Zu den erforschten Modellen der Wellenenergieerzeugung gehören etwa der Wave Dragon, bei dem die Wellen über eine hohe Rampe laufen, dann in einen Behälter geleitet werden und dort eine Turbine antreiben.“

Im bewegten Küstenmeer vor den ostfriesischen Inseln sahen die Experten ein – wenn auch vergleichsweise geringes – Potential für Wellenenergie mit dem Wave-Dragon. Diese Technologie wurde zwischen 2003 und 2007 bei einem EU-Forschungsprojekt, an dem auch Deutschland beteiligt war, getestet und lieferte als erster Offshore-Wellenenergiewandler der Welt Strom nach Dänemark. Im Sommer 2009 suchte das internationale Projekt neue Investoren. Es wurde schließlich eingestellt wegen hoher Investitionskosten und schwieriger Wartung, dem letztendlich ein zu geringer Energieertrag gegenüber stand.

Die Entwicklung von funktionsfähigen Wellenenergieanlagen sei eine große Herausforderung, das hält auch der Endbericht zur Deutschlandanalyse fest. Während bei der Offshore-Windenergie die sensiblen Komponenten zur Stromerzeugung gekapselt in der Gondel der Anlage vor den harschen Umweltbedingungen auf See im Allgemeinen geschützt seien, befänden sich bei Wellenenergieanlagen die Komponenten zur Stromerzeugung in der Nähe des äußerst aktiven Phasenübergangs von Wasser und Luft. Jeder Versuch, diesen Phasenübergang so weit wie möglich zu meiden gehe mit einem erhöhten Bedarf an Bauteilen einher, die unter Wasser arbeiten und betrieben werden müssen. Energie aus dem Meer liefern auch Meereswärme- und Salinitätsgradient-Kraftwerke. Das eine nutzt zur Gewinnung die Temperaturunterschiede des Wassers, das andere den unterschiedlichen Salzgehalt. Aber auch hier war das Urteil der Fachleute negativ: Ein Potential sei für Deutschland nicht vorhanden.

Schade. Denn: „Die nächste Energiewende kommt aus dem Meer“, wie die Welt in einer Reportage über die aktuellen Projekte mit Gezeitenkraftwerke titelte. Auch wenn deutsche Firmen bei diesen Entwicklungen beteiligt sind, liegt der entscheidende Beitrag Deutschlands wohl nicht im, sondern auf dem Meer. Denn vor allen Dingen in der Offshore-Energie liegen für Deutschland große Chancen. Jüngst haben eine niederländisch/deutsche und eine dänische Stromnetzfirma – Tennet und Energienet – gar die gemeinsame Errichtung einer künstlichen Insel inmitten der Nordsee angekündigt. Auf der so genannten Doggerbank, einer Sandbank von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns, ist das Wasser an manchen Stellen nicht einmal fünfzehn Meter tief. Hier soll eine ganze Energie-Stadt im Meer entstehen. Das klingt noch reichlich visionär, eine Machbarkeitsanalyse liegt auch noch nicht vor, dafür aber eine Animation, wie es später einmal aussehen soll:

Windenergie / Power Link Island

Sehr visionär äußert sich auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) in einem Hauptgutachten vom November 2014 zur Welt im Wandel. Menschheitserbe Meer. Auf mehr als 400 Seiten beleuchtet das hochkarätige Gremium die Zukunft unsere Ozeane – als Energieressource, aber auch als Nahrungslieferant, als strategische und politische Sphäre. Es erwarte uns nichts weniger als die blaue Revolution! Und das heißt bei den Autoren Folgendes:

die Übertragung der Idee eines Gesellschaftsvertrags für die Große Transformation auf die Meere. Dies erfordert zunächst eine Bewusstwerdung der Bedeutung der Meere für Mensch und Umwelt. Meere bedecken annähernd drei Viertel der Erdoberfläche. Der „blaue Kontinent“ ist von zentraler Bedeutung für das Erdsystem und die moderne Zivilisation. Er ist Quelle für Nahrung und Ressourcen, er ist Medium für weltweite Infrastrukturen und Transporte und er ist wesentliches Element des Klimasystems. Ozeane verbinden die Welt; sie sind das Lebenselixier und die liquide Grundlage der Weltgesellschaft und sie sind Teil der Großen Transformation zur nachhaltigen Gesellschaft.

Strom aus Wasser_unsplash

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