Faktencheck in Aurich: Kein Mord. Nirgends.

Wird wirklich so viel gemordet im Ostfriesland? Schaut man auf die unglaubliche Menge an Krimis, die auf dem Festland oder den Inseln verortet sind, kann man schon leicht das Fürchten lernen. Doch der nüchterne Blick auf die Zahlen und Fakten der Polizeilichen Kriminalstatistik lässt einen ganz neuen Zusammenhang vermuten: In Regionen, wo in der Literatur die meisten Morde gezählt werden, passiert in der Realität am wenigsten. So ist das auch in Ostfriesland. Dort, wo in den insgesamt elf Ostfrieslandkrimis von Klaus-Peter Wolf eine Leiche der anderen folgt, sich die Übeltäter, Mörder und Verbrecher Jahr um Jahr einen Kampf mit den Kommissaren liefen, passiert nur recht selten Bedrohliches.

Im Bereich der Polizei Norden gab es in den vergangenen fünf Jahren keinen einzigen Mord oder Totschlag. Das konnte Inken Düpree von der Pressestelle der zuständigen Polizeiinspektion Aurich/Wittmund Ostfriesland Reloaded amtlich bestätigen. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2016  der übergeordneten Polizeidirektion Osnabrück belegt, dass die Menschen im Nordwesten in einer sicheren Region leben. Polizeipräsident Bernhard Witthaut zog zur Veröffentlichung am 14. Februar diesen Jahres eine „im Großen und Ganzen gute Bilanz“. Die Aufklärungsquote sämtlicher Kriminaldelikte liege seit Jahren oberhalb von 60 Prozent.

logoEin angefahrenes Kind, ein Schlag gegen die örtliche Drogenszene, ein alkoholisierter Autofahrer ohne Führerschein, eine gestohlene Schaufensterpuppe, brennende Mülltonnen – das ist die Art von Delikten mit denen sich die verschiedenen Dienststellen der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund aktuell beschäftigen. Rund 21 gibt es davon, denn neben 16 Gemeinden gehören die Städte Aurich, Esens, Norden, Wiesmoor, Wittmund und Norderney sowie mit Baltrum, Juist, Langeoog und Spiekeroog auch fünf Ostfriesische Inseln zum Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion.

Polizeidienststellen Aurich Wittmund
Quelle: Polizeiinspektion Aurich/Wittmund

 

Einen echten Leichenfund gab es vor Kurzem aber auch im so friedlichen Ostfriesland zu vermelden: Am 20. März 2017, einem Montag, entdeckten in Norddeich Passanten vormittags den leblosen Körper einer Frau und meldeten dies der Polizei. Sie lag auf dem Leitdamm/Steindamm an der Nordsee am Osthafen. Ein Notarzt wurde sofort hinzugerufen, der aber nur noch den Tod feststellen konnte. Die Gerichtsmediziner stellten bei ihrer Obduktion am folgenden Mittwoch fest, dass die Frau ertrunken sei. Die genauen Umstände des Geschehens lassen sich nicht mehr nachvollziehen, so die Polizeibehörden. Hinweise auf ein Fremdverschulden lägen jedoch nicht vor.

Das war bei einem spektakulären Fall, der sich im Juli 2013 auf der Insel Juist ereignete, noch ganz anders. Da fanden Urlauber zwischen Strandkörben eine Frauenleiche im Sand, eine Hand soll herausgeragt haben. Hier lag definitiv ein Fremdverschulden vor und der Täter war auch schnell gefunden. Es war ein 24jähriger Mann, ein Aushilfskellner aus dem Sauerland. Bei der toten Frau handelte es sich um eine 23jährige Psychologiestudentin aus dem Harz, die für einen Ferienjob als Verkäuferin in einer Bäckerei auf die Insel gekommen war. Von der Disco ging sie mit ihm nachts an den Strand. Ein Ausflug, der mit ihrem gewaltsamen Tod endete. Er unter Alkohol, ausgelacht und wohl zurückgewiesen von ihr, hat die grausame Tat gestanden: wie er sie geschlagen habe, wie sie miteinander gerungen hätten, bis die junge Frau dann leblos im Sand lag, gewürgt und stranguliert mit einem Tuch. Das Landgericht in Aurich urteilte auf Totschlag und sieben Jahre und neun Monaten Haft. Für die Familie der Toten, deren Anwalt auf Mord und lebenslange Haft plädierte, ein Schlag ins Gesicht. Ein Prozess, der ihnen den Glauben an die Justiz genommen habe und der auch von Spiegel Online kritisch beäugt wurde. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe wies im Mai 2015 die Revision der Familie gegen das Auricher Urteil zurück. Es blieb damit rechtskräftig.

Blauer Revolver

Noch viel länger als die Schreckenstat von Juist liegt ein anderer Fall zurück: Vor gut sechzehn Jahren konnten die Kommissariate zwei Serienmörder aus Hage überführen. Anlass war der Tod einer achtzigjährigen Frau im Dezember 2000, die laut Gerichtsmedizin erschlagen wurde. Man kam im Laufe der Ermittlungen einem 32jährigen Mann und seinem 30jährigen Freund und Schwager auf die Spur, die beide die Tat gestanden.  Und noch viel mehr. Die Polizeiinspektion rollte ältere, bisher unverdächtige Todesfälle wieder auf und die beiden Männer gestanden ebenfalls einen Mord an einem 35jährigen Mann, der am Neujahrsmorgen 1995 in seiner Wohnung in Hage tot aufgefunden wurde und einen weiteren an seinem Nachbarn, einem 52 Jahre alten Mann, ein Jahr später. Täter und Opfer wohnten alle im selben Haus: eine gefährliche Nachbarschaft wie sich herausstellte. Die Serienmörder, die unter Alkohol und für Geld nach mehr Alkohol ihre Morde begingen, gestanden noch eine weitere Tat an einem Vermissten jungen Mann aus Hage, dessen Leichnam aber nie gefunden wurde.

Der Fall des „Disco-Mörders“ wie auch die „Hager Mordfälle“ gingen in die Kriminalgeschichte Ostfrieslands ein und sind zum Glück eine ganz seltene Ausnahme. Denn meistens ist das Morden im Norden eine Angelegenheit äußerst kreativer Krimischriftsteller. Die sind „Verdammt nah dran!“ urteilte der echte Polizeichef und Dienstherr über 450 Mitarbeiter, Hans-Jürgen Bremer. Im 7. Extrablatt des Klaus-Peter Wolf war der Leiter der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund sogar offizieller Autor der Titelgeschichte, die sich sachkundig mit der Dichtung und Wahrheit in den Ostfrieslandkrimis beschäftigte. Bremer räumte dabei den Schriftstellern jedoch das grundsätzliche Recht auf ein wenig dichterische Freiheit im Dienste der Spannung ein.

So lange alles nur ein Spiel der Fantasie bleibt…

Puppenschuss

 

 

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