Very Important Area: Ein Landstrich von strategischem Interesse

Stille Wasser sind tief. Auch Ostfriesland ist so ein stilles Wasser oder besser gesagt so ein stilles Land. Für die meisten eine schöne Urlaubsgegend mit malerischen Motiven von Inseln, Mühlen und Nordsee. Doch die Wenigsten ahnen, welch wichtige strategische Bedeutung diese Region für das Wohlergehen der Bundesrepublik hat: Für die Trilliarden von Daten aus ganz Deutschland, die von hier aus per Internet rund um den Globus verschickt und aus aller Welt empfangen werden. Für die Verteidigungsbereitschaft unserer Nation, wenn der norddeutsche Luftraum von einer Alarmrotte verteidigt wird, die in Ostfriesland ihren Sitz hat. Bereits zu Zeiten von Kaiser Wilhelms II. spielte der Landstrich mit dem Zugang zum Meer eine strategisch wichtige Rolle in den Planungen der Militärs. Schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs gab es fiktive, aber überaus realistische Szenarien in denen von den kleinen Sielorten Ostfrieslands aus doch tatsächlich die Invasion Englands erfolgen sollte.

Gestern: Standort der Kriegsmarine von Kaiser und Diktator

Seine Lage zum offenen Meer war es, der Ostfriesland schon immer eine besondere Rolle bei den Strategiespielen der Mächtigen zu verdanken hatte. Die großen Seehäfen, Emden ganz im Westen sowie Wilhelmshaven ganz im Osten der ostfriesischen Halbinsel, spürten immer besonders stark die Ausschläge des kriegslüsternen 20. Jahrhunderts. Mit dramatischen Folgen für die beiden Städte und ihre Bevölkerung.

Als „Reichskriegshafen“ war Wilhelmshaven neben Kiel im Mittelpunkt des Kräftemessens von Wilhelm II. mit der Seemacht Großbritannien. Ausgerechnet im nach ihm benannten und so protegierten Wilhelmshaven nahm 1918 die Meuterei der Matrosen ihren Anfang, die schließlich zur deutschen Novemberrevolution und zum Ende des Kaiserreichs führen sollte. „Die wichtigste Meuterei der deutschen Geschichte“, meinte dazu die Welt einmal. Warum die Matrosen damals meuterten, darüber gibt heute das Deutsche Marinemuseum in Wilhelmshaven Auskunft. Die „Entwicklung maritimer Technik vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“ lässt sich im Museumshafen direkt an den Objekten verfolgen. Zur musealen Kriegsflotte gehört der Lenkwaffenzerstörer Mölders, „Flagschiff der Ausstellung“ und zudem das größte Museumskriegsschiff Deutschlands. Auch ein Minenjagdboot, ein leistungsstarkes Schnellboot, ein Küstentorpedoschnellboot sowie ein begehbares U-Boot liegen hier vor Anker.

Am anderen Ende Ostfrieslands ist es ein Bunkermuseum, das an die Zeit erinnert, in der Emden im Kriegszustand war. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Hafenstadt an der Grenze zu den Niederlanden 94 Bombardements. Sie gehörte am Ende zu den am meisten zerstörten Städten Europas. Auch in Emden war es die Marine und die für sie produzierende Nordseewerke-Werft, die sie zu einem Ziel für die Luftangriffe machten. Die vielen Bunker der Stadt retteten den Bürgern damals das Leben. In einem von ihnen, einem buntbemalten massiven Bau in der ehemaligen, fast komplett zerstörten Altstadt, hat das in Deutschland einmalige Museum heute seinen Sitz und informiert über die Schrecken und Gräuel des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges.

Heute: Stiller Wächter von Rohstoffen und Daten

Auch das 21. Jahrhundert zählt wieder unzählige Kriegsschauplätze in der Welt. Die propagandistischen Töne von Regierungen und Herrschern werden zunehmend lauter. Ostfriesland scheint da eher unbeteiligt. Und doch gibt es hier am Rand der Republik Dinge, die für die nationalen Interessen Deutschlands von großer Bedeutung sind. Es sind die kritischen Rohstoffe des 21. Jahrhunderts, die Ostfriesland für uns alle hütet: Öl und Daten.

Wilhelmshaven ist der wichtigste Importhafen für Rohöl in Deutschland. Zudem bietet der geologische Untergrund hier eine Besonderheit: Er ist von Salzstöcken durchzogen. Im Stadtgebiet liegt der Salzstock Rüstringen, 20 Kilometer südwestlich von Wilhelmshaven in Friedeburg der Salzstock Etzel. In beiden lagert in so genannten Kavernen ein großer Teil der strategischen Erdölreserve, die die Deutsche Bundesrepublik für Krisenzeiten bereithält. Mit ihr soll der deutsche Erdölbedarf im Notfall für mindestens 90 Tage aufrechterhalten werden. Salzgestein lässt sich aufgrund seiner besonderen chemischen und physikalischen Eigenschaften nur mit Wasser auflösen und ist aufgrund seiner Kristallstruktur fest und undurchlässig. Diese Materialeigenschaften macht man sich für die Lagerung von Erdöl und Erdgas zu Nutze. Kavernen sind künstlich in Salzstöcken hergestellte Hohlräume, die durch das Ausspülen mit Wasser entstehen und in die das Erdöl von oben eingefüllt wird.

In Deutschland gibt es etwa 250 solcher Kavernen für Erdöl und Erdgas. Der Salzstock Rüstringen wird seit 1968 als Speicherkaverne genutzt. 2010 umfasste er 35 Kavernen mit einem Fassungsvermögen von 6,7 Milliarden Litern Rohöl. Der Salzstock Etzel umfasste 2012 insgesamt 23 Kavernen für Rohöl und 29 für Erdgas. Die ostfriesischen Kavernen liegen in über 1000 m Tiefe und haben bei zirka 500 m Höhe ein Fassungsvermögen von jeweils 400.000 m³, was grob einem Durchmesser von 30 Metern entspricht.

Auch beim zweiten strategischen Schatz Ostfrieslands ist an der Oberfläche nicht viel zu sehen. Bei Hilgenriedersiel handelt es sich um einen kleinen Weiler mit einer Naturbadestelle ganz in der Nähe von Norden. An einem kleinen Parkplatz ist Endstation für den privaten Autoverkehr. Danach geht es zu Fuß weiter, auf und über den Deich und dann dem Weg folgend durch Salzwiesen bis zur eigentlichen Badestelle, die nicht mehr ist als eine kleine Wiese mit Abbruchstellen zum Watt, von denen man direkt ins Wasser gelangt. Hier ist man der Natur sehr nahe. Ein wunderschöner Flecken Erde, in der man ganz allein ist mit den Wellen, die unablässig heranrauschen, mit dem Wind, der sehr stark wehen kann, mit Vögeln und Möwen, die ihre Bahnen über einen ziehen, mit dem Blick auf die vielen Schafe am Deich, die beständig grasen und malmen. Norderney ist ganz nah und die laute Welt ganz fern. Kein Strandkorb, Kiosk oder Toilette weit und breit.

Und irgendwo hier, inmitten dieser Nordseeromantik, die kaum noch zu steigern ist, existiert unterirdisch eine Parallelwelt aus Datenströmen, die unablässig fließen und den Takt der neuen Zeit vorgeben. Hier landen und stranden die internationalen Seekabel für Telefon und Internet, die Daten-Nabelschnüre unseres virtuellen Jahrhunderts, die Deutschland mit dem Rest der Welt verbinden. Die Seekabelendstelle im ostfriesischen Watt ist ein Kommunikationsnadelöhr, ein sensibler Punkt im gesamten System und daher von enormer strategischer Bedeutung. Hier wird das Digitale plötzlich mit dem Kabel fassbar, sehr analog, sehr real und bei der gewaltigen Naturkulisse um einen herum gleichzeitig auch merkwürdig irreal. Man sieht so gar nichts davon, nur sich biegenden Strandhafer, grünen Deich, Ebbe und Flut – und trotzdem, hier an diesem einmaligen Ort prallen die beiden Welten unablässig aufeinander: das ewige Wehen des Windes und das endlose Strömen der Daten, oben und unten, Natur und Technik.

Ein stiller Ort, an dem man lieber nicht tiefer graben sollte.

 

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