In der Luft rast der Eurofighter

Man würde es nicht vermuten, aber das so abgeschiedene Ostfriesland ist auch aus Aspekten der Sicherheit und Verteidigung wichtig für das Wohl der gesamten deutschen Nation. Denn in Wittmund ist der wohl bekannteste fliegende Verband der Bundeswehr, das Taktische Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“, stationiert. Dieses stellt die so genannte Alarmrotte für den norddeutschen Raum. Eine weitere Alarmrotte befindet sich in Bayern beim Taktischen Luftwaffengeschwader 74 in Neuburg und überwacht den Süden Deutschlands. Zusammen sichern diese beiden Alarmrotten der Bundeswehr den gesamten deutschen Luftraum.

Eine Alarmrotte ist laut Definition eine Formation von zwei oder drei Jagdflugzeugen oder Abfangjägern, die das ganze Jahr rund um die Uhr zum Start in der kürzestmöglichen Zeit bereitsteht, um die Unversehrtheit der Lufthoheit eines Staates in dessen Staatsgebiet zu wahren.

Das heißt, wenn jemand den nördlichen Luftraum über Deutschland angreifen oder ein Flugzeug entführen würde, dann flögen sie los von Wittmund, um unser Land mit dem Eurofighter zu verteidigen:

Immer bereit
Da ist absolut schnelle Reaktion gefragt (Quelle: Luftwaffe)

Wackere Ostfriesen retten unser Land. Alarmiert wird die Besatzung beim Quick Reaction Alert (QRA) durch einen Hupton. In 5 Minuten stehen die Maschinen startbereit auf der Bahn, nach 10 Minuten sitzen die Piloten bereits im Cockpit. Spätestens 15 Minuten nach dem ersten Alarm donnern die beiden Abfangjäger schon durch die Lüfte des Nordens. Top Gun in Ostfriesland!

Zum ständigen Bereitschaftsteam der Alarmrotte gehören fünf Techniker direkt im QRA-Einsatz, unterstützt vom Geschwadergefechtsstand, der Fliegerhorstfeuerwehr, dem Fliegerarzt und der Besatzung von Tower und Radaranlage. Insgesamt sind etwa 50 Personen rund um die Uhr vorbereitet für den Ernstfall, der bei jeglicher Störung des Luftraumes eintritt. Meist sind es Pilotenfehler, Orientierungsverlust oder technische Probleme am Flugzeug, die zum unbeabsichtigten Eindringen des deutschen Luftraumes führen. Auch dann rückt das QRA-Team aus und klärt die Lage, gibt den Piloten Hilfestellungen und geleitet sie gegebenenfalls zu dem nächst gelegenen Flugplatz.

Doch die Kampfpiloten des Richthofen-Geschwaders in Wittmund sind auch die Personen, die im Falle eines terroristischen Angriffs aus der Luft, die Befehle ihrer Einsatzzentrale umsetzen und im Zweifelsfall auch einen Abschuss veranlassen müssen. Welch schwere moralische Herausforderung dieses für die Piloten darstellen kann, wurde erst jüngst in dem interaktiven TV-Experiment „Terror“ in der ARD deutlich vor Augen geführt, das auf einer Vorlage des Juristen und Schriftstellers Ferdinand von Schirach basiert und auch in seiner Essay-Sammlung „Die Würde ist antastbar“ diskutiert wird.

Die Alarmkette für den Ernstfall

Militärische Bedrohungen liegen in Verantwortung der NATO, mögliche terroristische Bedrohungen aus der Luft liegen in nationaler Verantwortung und werden im Nationalen Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum (NLFZ SiLuRa) bearbeitet. Die Bundeswehr, die Bundespolizei als Vertreter des Bundesministers des Inneren (BMI) und ein Vertreter der Deutschen Flugsicherungs GmbH (DFS) als Vertreter des Bundesministers für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) arbeiten hier rund um die Uhr zusammen.

Von einem Eindringen eines unbekannten Objektes in den Luftraum, unplanmäßiger Veränderung von Flugrouten,Verlust des Funkkontaktes oder Luftnotlagen werden sie vom diensthabenden Control and Reporting Center (CRC) in Wittmund benachrichtigt. Das CRC ist es wiederum auch, das die zwei Abfangjäger alarmiert und die Piloten in den beiden Eurofightern zu dem unbekannten Flugobjekt führt um eine erste Sichtidentifizierung zu machen. Was dann geschieht ist im Internetportal der Deutschen Luftwaffe nachzulesen:  Bleibt die Lage auch nach der Herstellung des Sichtkontaktes zur Maschine ungeklärt oder ist ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen, wird durch das NLFZ SiLuRa der Inspekteur der Luftwaffe unmittelbar informiert, der wiederum die Bundesministerin der Verteidigung einbezieht.

Der Flughafen in Wittmundhafen

Wer Helden und Maschinen live sehen will, der kann das machen. Denn regelmäßig wird für den Ernstfall geprobt. Bei sogenannten „Tango-Scrambles“ wird der Einsatz „eins zu eins“ simuliert. Der Flughafen, von dem die Abfangjäger der Deutschen Luftwaffe starten, liegt ein wenig außerhalb von Wittmund an der B210 Richtung Aurich in Wittmundhafen. Er ist bereits seit 100 Jahren in Betrieb, 1916 noch als Standort für die gewaltigen Luftschiffe des kaiserlichen Heeres, heute für das modernste Flugzeug der Bundeswehr. In seiner architektonischen Schlichtheit, dazu noch versteckt im Wald der ostfriesischen Geest, bildet er den vollkommenen Kontrast zu seiner militärisch bedeutenden Aufgabe.

Gestartet wird immer nach Osten, wie ein direkter Nachbar als unfreiwilliger Augen- und Ohrenzeuge der Test- und Ernstfälle beim Richthofen-Geschwader Ostfriesland Reloaded bestätigte: „Dann mache ich immer alle Fenster zu. Und wenn es vorbei ist, mache ich sie wieder auf.“ So eine lakonische Haltung muss man wohl entwickeln, wenn man direkt neben dem Start- und Landeplatz von Eurofightern der Luftwaffe sein Zuhause hat. Er sei zufrieden, aber viele nicht. Das läge aber weniger an den ohrenbetäubenden Dezibel, sondern am Neid auf Entschädigungszahlungen wegen Fluglärms, die nicht an die direkt betroffenen Anwohner auf der linken, nördlichen Seite der Bundesstraße geflossen seien. Und einen Tipp hatte er auch noch parat: „Fahren Sie mal die Straße nach Ardorf.“

Und fahren Sie nicht über rot! Denn hier kreuzen gelegentlich Abfangjäger der Luftwaffe. Die Straße führt nämlich quer über die Startbahn der Eurofighter, die hier in einem hoppeligen Wiesenfeld ausläuft. Leider war zum Ortstermin in Wittmundhafen kein unbekanntes Flugobjekt im deutschen Luftraum, so bleibt Ostfriesland Reloaded jetzt ohne diese absolut spektakuläre Aufnahme mit roter Ampel vor fliegender Alarmrotte…


Direkt in Wittmund befindet sich dagegen die Richthofen-Kaserne.

In der Saison, von April bis Oktober, ist es dort jede Woche freitags ab 9.30 Uhr möglich, die Militärgeschichtliche Sammlung des TaktLwG 71 „R“ anzuschauen. Treffpunkt: Hauptwache Kaserne in der Isumser Str. 20. Nach 9.30 Uhr werden keine Gäste mehr eingelassen. Weitere Informationen sind unter der Telefonnummer (04462) 9172110 erhältlich.

 

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