Angriff aus dem Wattenmeer

Ostfrieslands Küste ist Schauplatz einer der ersten und besten Spionagethriller der Literaturgeschichte: „Das Rätsel der Sandbank“. Nicht weniger als die Invasion Englands sollte von dem dünn besiedelten und von vielen Wasserläufen durchzogenen Landstrich erfolgen. Der Roman, 1903 vom irischen Schriftsteller Erskine Childers verfasst, war so wirklichkeitsnah, dass sich die britische Regierung einst veranlasst sah, ihre Truppenstärke an den offensichtlich nicht gut geschützten Küstenabschnitten Englands erheblich auszubauen.

Im spannenden Spionagethriller spielen die geografischen Besonderheiten Ostfrieslands eine Hauptrolle. Denn wie man auch heute noch feststellen kann, besitzt der nordwestliche Rand von Deutschland keine großen Städte und wenig Häfen, sondern öffnet sich mit kleinen Sielen und Schleusentoren zur Nordsee. Davor die sieben Ostfriesischen Inseln und dazwischen die Wattenlandschaft im ewigen Rhythmus zwischen Ebbe und Flut. Von den verstreuten Sielorten an der Küste fließen Kanäle und Wasserläufe ins Hinterland zu kleinen Städten wie Norden, Hage, Dornum, Esens und Wittmund, die ungefähr fünf bis zehn Kilometer hinter der Küstenlinie eine Art horizontales Rückrat bilden, das sich durch die gesamte ostfriesische Halbinsel zieht. Zu Zeiten des Spionageromans waren diese Orte noch durch eine Eisenbahnlinie verbunden.

Dieses Netz aus Wasser- und Schienenwegen, das sich über das Land spannt, stellt eine ideale Infrastruktur dar, um im Verborgenen und unauffällig die Truppen für eine Seeinvasion Englands zu sammeln. Hinter dieses Geheimnis deutscher Militärstrategen kommen die beiden Engländer Carruthers und Davis, die mit ihrer Segeljacht Dulcibella durchs ostfriesische Wattenmeer kreuzen und ganz unversehens in die Welt der internationalen Spionage gelangen. Sie entschlüsseln schließlich ein System der sieben: sieben Inseln, sieben Siele und dahinter fast immer eine Stadt mit einem Bahnhof. Eine besondere Rolle spielt im Roman der kleine Sielhafen Bensersiel, der über den Bahnhof von Esens zu erreichen ist und der das Wasser aus dem Benser Tief über Sieltore in die Nordsee führt.

Denn genau hier startet eines Nachts unter den Augen des Deutschen Kaisers höchstpersönlich der Probelauf für einen tollkühnen Plan: ein Kriegszenario, in dem eine Vielzahl kleiner Boote mit geringem Tiefgang, voll beladen mit Soldatengleichzeitig in sieben geordneten Flotten aus sieben seichten Fahrrinnen hervorkommt und unter dem Geleitschutz der Kaiserlichen Marine die Nordsee überquert und sich auf die Küsten Englands wirft.

Der Roman ist nicht nur einer der spannendsten Abenteuergeschichten des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern ein Wurf von großem literarischen Rang. Das Buch ist voll von detaillierten Beschreibungen von Orten und Menschen, die heute, hundert Jahre später auch dokumentarischen Charakter haben und einen sehr lebendigen Eindruck vom Leben damals geben. Die beiden Helden des Buches stranden im Verlaufe der Geschichte mit ihrem Segelboot auch in Bensersiel, „diesem absurden Schlammloch“. In Empfang genommen werden sie von Herrn Schenkel, seines Zeichens Zollbeamter und Postamtsvorsteher in Personalunion:

<< Unser Freund, ein dummer Quatschkopf, ist eine enorm wichtige Person in seinem lächerlich kleinen Hafen, dessen Hauptkunde anscheinend das Langeooger Postboot ist, eine Galeote, die je nach Tide hin- oder herfährt… Der Hafen hat innerhalb der zwölfstündigen Tide für zwei Stunden eine Wassertiefe zwischen fünf und sieben Fuß. Herr Schenkel begleitete uns mit Reden zur Yacht zurück, die auf Schlamm ruhte.>>

Am nächsten Morgen:

<< Der Priel war jetzt ein Graben, in dem ein Rinnsal floß; er verlief ungefähr von Nord nach Ost und war anfangs von einer etwa eine Viertelmeile langen Buhne aus Weidengerten gesäumt. Es wehte immer noch frisch aus Nordost, und wir sahen, daß es unmöglich war, bei diesem Wind auszulaufen. Also zurück zum Dorf, einem armseligen, trüben kleinen Ort.“

In der Zwischenzeit hat sich in Bensersiel allerdings einiges getan. Aus dem Schlammloch ist ein moderner Küstenort und Nordseeheilbad geworden mit großzügigen Strandanlagen, Thermalbädern und Thalasso. Ein Yachtclub, der große Hafen mit Fischkuttern und den Fähren nach Langeoog geben dem Sielort heute ein ausgesprochen maritimes Flair. Großzügige Brückenkonstruktionen in Segeloptik setzten architektonisch Akzente.

Das Rätsel der Sandbank war lange Zeit beim britischen Geheimdienst Pflichtlektüre, so überzeugend war das fiktive Szenario, das die beiden Romanfiguren und Karthographen aufdeckten. Heute geht jedoch keinerlei Gefahr mehr von der ostfriesischen Halbinsel aus. Eine Invasion aus Ostfriesland würde allein schon daran scheitern, dass die Eisenbahnlinie, die damals noch Norden und Wittmund in der West-Ost-Achse verband, vor einigen Jahren zu großen Teilen stillgelegt wurde.

Ein wenig kann man aber dennoch den Geist der Jahrhundertwende vor den beiden Weltkriegen nachspüren und sich auch heute auf die Spuren der Agentenjäger aus dem Roman machen. Denn ein Teil der Original-Strecke wird noch befahren: Als Museumseisenbahn ist die Küstenbahn Ostfriesland in den Sommermonaten jeden Sonntag zwischen Norden und Dornum unterwegs. Der historische Trip ist ein Renner bei Ostfriesland-Touristen. Im Bummeltempo geht es über 17 Kilometer quer durchs Land.

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Das Rätsel der Sandbank – ein wahrer Longseller

„Ein Kultbuch“, meint der Spiegel. Für mare besticht der Spionageroman heute auch durch „seinen nostalgischen Charakter“. Das Rätsel der Sandbank, im englischsprachigen Original The Riddle of the Sands, wird zudem heiß und innig geliebt von allen, die selbst die Segel hissen. Aber dank seiner Spannung und dichten Atmosphäre ist es eigentlich jedem zu empfehlen: ein unglaublich fesselnder Roman bis zur letzten Seite. „Unbedingt lesen!“, sagt auch Ostfriesland Reloaded. Es erscheint im Diogenes Verlag und kostet 13,00 Euro.

Für Robert Erskine Childers, einem begeisterten und erfahrenen Hochseesegler, blieb dieses Buch sein erster und einziger Roman. Als Schriftsteller verfasste er jedoch noch zahlreiche militärische Bücher bevor er nach einer militärischen Laufbahn im Ersten Weltkrieg seinen Weg in die Politik fand. Er war ein radikaler Verfechter der irischen Unabhängigkeitsbewegung. Im Alter von nur 52 Jahren wurde er am 24. November 1922 in der Hauptstadt Dublin durch ein Erschießungskommando eines englischen Militärgerichts exekutiert. Er ist der Vater des späteren irischen Ministerpräsidenten Erskine Hamilton Childers.

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