Auch Boßeln hat Hauptsaison, wenn’s draußen friert und frostet

 

„He kummt“! Wenn man diesen Ausruf auf Ostfrieslands Straßen hört, dann sollte man aufpassen – besonders im Winter. Denn das ist die Jahreszeit, wenn potentiell besonders gefährliche runde Objekte über den Asphalt schießen. Was da in hohem Tempo angerollt kommt sind Boßelkugeln und die können im Zweifelsfall ganz schön weh tun. Boßeln ist quasi die Straßenvariante des technisch anspruchsvolleren Klootschießens und lockt an den kälteren Tagen im Jahr unzählige Menschen nach draußen auf die Landstraßen. Der Nationalsport der Ostfriesen kann im Prinzip zu jeder Jahreszeit stattfinden, doch im Sommer hat man in den Touristenhochburgen an der Küste nur wenig Freizeit und viel zu viel Verkehr auf den Straßen. Meisterschaften in Boßeln finden schon mal in wärmeren Monaten statt, wie etwa die im Einzelwerfen im Mai 2016 mit mehr als 700 Teilnehmern in Holtgast. Doch dazu müssen dann immer riesige Strecken für den Straßenverkehr gesperrt werden: ein Aufwand, den man nur selten betreiben kann.

Und so geht’s, jedenfalls theoretisch: Beim Boßelwurf nimmt man Anlauf, bewegt den Wurfarm dabei nach hinten und schnellt diesen mit einer schnellen Bewegung wieder nach vorne, um die Boßelkugel dann mit hoher Geschwindigkeit loszulassen und auf die Straße zu setzen. Ziel ist es, möglichst weit zu werfen und die Kugel auch nach der Landung auf der Straße noch möglichst weit zum Rollen zu bringen. Da, wo sie zum Halten kommt, ist der Abwurfpunkt für den nächsten Wurf der Mannschaft. Meistens rollt die Kugel allerdings in den ekelhaften Matsch der Gräben am Straßenrand und muss erst mühsam gefunden und herausgefischt werden, was dem Spiel noch einen weiteren Unterhaltungswert gibt.

 

Wenn auch die Straßen in Ostfriesland flach wie eine Flunder und damit ideal für diese norddeutsche Art des Kegelns ohne Kegel sind, so haben es die Kurven der Landstraßen jedoch in sich. Die Könnerschaft eines Boßlers zeigt sich hier. Wahren Meistern gelingt es allein durch die richtige Abrollbewegung über den Daumen, der Kugel den Drall zu geben, der sie sogar wie von einem unsichtbaren Faden gezogen durch Kurven trägt.

Beim Wettkampf treten zwei Mannschaften gegeneinander an, deren Werfer abwechselnd an der Reihe sind. Die Kugel beim Boßeln ist um einiges größer als der Kloot beim Klootschießen, je nach Alter und Geschlecht hat sie einen Durchmesser zwischen 8,5 und zwölf Zentimetern, ähnlich einer Kugelstoßkugel. Das Material kann sehr variieren, es kann aus Gummi, Kunststoff oder sogar aus Eisen sein.

 

Wem es weniger um Wettkampf, sondern eher um den Spaß am Spiel geht, der ist beim Boßeln gut aufgehoben. Denn es handelt sich dabei um einen überaus geselligen Sport, wie auch Wikipedia feststellt: „Außer als Breiten- und Leistungssport wird vielfach – in einigen Gegenden sogar ausschließlich – auch als gesellige Tätigkeit geboßelt.“ Eine gewisse Trinkfestigkeit gehört bei der geselligen Variante immer dazu – die muss man bei dieser Sportart quasi als Sekundärtugend mitbringen. Die Jahreszeit für das Straßenboßeln ist in aller Regel im Winter, es ist kalt, die Strecke kilometerlang. Die Zeiten, in denen man selber nicht wirft, müssen auch kältetechnisch überbrückt werden. Was hilft da besser als ein Schluck Rum oder Schnaps? Proviant, dass immer dabei ist. Zu jeder Jahreszeit.

 

Doch am Schönsten ist Boßeln im Winter. Wenn man nach vielen Stunden an der frischen und kalten Luft nach Hause kommt, ausgelaugt von den Kilometern, vom Werfen und Anfeuern der Mannschaft, leicht gerötet und zersaust von Alkohol und Wind – dann ist das pures Glück, das man nur hier in Ostfriesland erleben kann.

Boßeln ist keine Randsportart, sondern wird in Ostfriesland und Oldenburg von mehr als 40.000 Mitgliedern in 261 Vereinen betrieben. Es gibt Punktespiele, Altersklassen, Ligen bis hinauf zur Landesliga, jede Menge Meisterschaften und Pokalrunden und sogar Leistungszentren: Eine ernsthafte Angelegenheit, die auf ostfriesischen Straßen übrigens immer Vorfahrt hat.

 

 

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