Eiskalt erwischt oder das Ende einer verhängnisvollen Affäre

1491, Winter in Ostfriesland: Ein Ritter läuft in voller Rüstung über den zugefrorenen Wassergraben der Friedeburg. Doch dann bricht plötzlich das Eis unter ihm ein. Zu schwer ist das metallene Gewand, das ihn auch jetzt immer weiter unters Wasser zieht und jede befreiende Bewegung unmöglich macht. Alle Hilfeschreie nutzen nichts. Es gibt keine Rettung mehr für ihn. Gefangen in seiner Rüstung ertrinkt der Edelmann jämmerlich im eisigen Nass.

Bei dem Mann handelte es sich um keinen Geringeren als den ältesten Sohn der ersten Regentin Ostfrieslands, der Gräfin Theda. Früh verwitwet hatte sie viele Jahre die Regierungsgeschäfte geführt, diese jedoch immer mehr in die Hand ihres ältesten Sohnes gelegt: Graf Enno I., der edle Ritter auf dem Eis, dessen kurzes Leben mit 30 Jahren so ein unglückliches und jähes Ende nahm. Nur durch seinen frühen Tod kam sein jüngerer Bruder Edzard überhaupt an die Macht. Jener Edzard I., der als „der Große“ später ruhmreich in die Geschichte Ostfrieslands eingehen sollte.

Doch zurück zu unserem tragischen Ritter. Was trieb ihn eigentlich so ungestüm aufs Eis? Warum machte er diesen leichtsinnigen und so verhängnisvollen Schritt?

Ganz am Anfang des Unglücks steht eine wilde Liebesgeschichte. Engelmann von Horsten, ein Adliger aus Westfalen, hatte sich geradezu unsterblich in die jüngste Schwester Ennos verliebt. Almuth war mal eben 25 Jahre jung als Engelmann im Herbst 1490 die Komtesse während eines Spaziergangs mit ihrer Zofe in Aurich entführte. Wobei Entführung vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, denn glaubt man den historischen Quellen war diese zumindest „einvernehmlich“. Die „Entführte“ hatte als Aussteuer ihren Familienschmuck dabei und war auch sonst ihrem Entführer sehr zugetan. Der zog sie rasch auf sein Pferd und im gestreckten Galopp ritt er mit ihr gen Osten zur dreißig Kilometer entfernten Friedeburg, deren Drost er zu diesem Zeitpunkt war.

Soweit, so romantisch.

Doch Almuths Mutter war nicht bereit dieser unstandesgemäßem Beziehung den Segen zu geben. Theda verhandelte mit dem unerwünschten Schwiegersohn und als das nichts half, belagerte sie die Friedeburg. Ihr Sohn Enno war zu dieser Zeit gerade auf dem Rückweg von einer Pilgerreise ins Heilige Land. Dort war er gerade in Jerusalem am Heiligen Grab zum Ritter geschlagen worden. Wäre er doch nur eine Weile noch in der Ferne geblieben! Bereits auf dem Heimweg nach Ostfriesland, in Groningen, erfuhr er von der Freveltat des Drosten. Es war nun seine erste und oberste Pflicht, seine Schwester aus den Händen des vermeintlichen Entführers zu befreuen. Almuth hatte ihrem Geliebten stets versichert, dass ihr Bruder mit einer Heirat einverstanden sei. Das war aber ganz und gar nicht der Fall.

Vollkommen entrüstet aber unglücklicherweise noch in seiner Rüstung reitet der junge Graf am 19. Februar 1491 vor die Friedeburg und stellt Engelmann von Horsten dort zu Rede. Doch erfolglos. Als der Drost sich wieder zurück in die Burg begibt, folgt Enno ihm übers Eis. Ein folgenreicher Schritt, der sein tragisches Schicksal besiegeln sollte. Auch zwei seiner Begleiter fanden ihr Ende im eiskalten Wasser des Burggrabens von Friedeburg.

Nachtrag

Die Liebesgeschichte um Engelmann von Horsten und Almuth war nach dem tragischen Tod des ritterlichen Bruders Enno I. noch nicht zu Ende. Die Friedeburg wurde schließlich von Gräfin Theda gestürmt, die ihre unfolgsame Tochter nach Greetsiel schaffte. Doch ihr Liebster konnte sie dort abermals befreien und brachte sie nach Groningen. Danach bekam sie aber der langjährige Begleiter ihres Bruders, Victor Freese, in Gewahrsam. Den Rest ihres Lebens verbrachte Almuth in trauriger Haft. Dort starb sie gut dreißig Jahre später, 1522, unbeweint und vergessen, wie es heißt.

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