Die Stradivaris unter den alten Meistern des Orgelbaus

Die älteste Orgel Deutschlands und eine der ältesten bespielbaren Orgeln der Welt steht im ostfriesischen Rysum, einem idyllischen Ort auf einer Rundwarf in der Nähe von Emden. Ganz oben thront sie dort seit 560 Jahren unter ihrem türkisblauen Kirchenhimmel und breitet weit ihre Flügel aus. Sie erklingt bis heute zu jedem Gottesdienst und bei den vielen Konzerten, die ihr zu Ehren gegeben werden. Der Baumeister ist nicht genau bekannt, es war vermutlich eine Werkstatt aus dem benachbarten Groningen, die 1457 dieses Prachtexemplar einer spätgotischen Orgel errichtete.

Bekannter sind dagegen die Namen anderer großer Meister der Zunft wie Arp Schnitger oder Gerhard von Holy. Diese beiden Namen hört man in Ostfriesland in Zusammenhang mit Orgeln häufig. Das klingt dann immer so ehrfurchtsvoll als hätte man bei einem Konzert eine Stradivari persönlich vor sich. So wird es vermutlich sein, denkt sich bei derlei Lobpreisung der Orgellaie – was die Mehrheit von uns ja ist.

Das Geheimnis dieser ausgesprochen schön anzusehenden und wohl klingenden Orgeln war vermutlich eine besondere Legierung, mit der die Baumeister ihre Orgelpfeifen gefertigt haben und die ihnen ihren besonderen Klang geben. Die Rezepturen seien bis heute unbekannt und so sei es auch später niemals wieder gelungen, genau die gleiche Klangfarbe wie die alten Meister zu reproduzieren. Das konnte Ostfriesland Reloaded jedenfalls bei einer Feierstunde im ORGANEUM in Weener vor einigen Jahren aus berufenem Munde in Erfahrung bringen.

Auch das Leben von Arp Schnitger lässt ein paar Rätsel offen: Ein Bild von ihm ist nicht erhalten, sein Geburtstag nicht genau bekannt. Getauft wurde er laut Kirchenbuch am 9. Juli 1648. Geboren und aufgewachsen ist er in einem kleinen Ort in der Wesermarsch, in Schmalenfleth, als Sohn einer alt eingesessenen Tischlerfamilie. Als Orgelbauer hat er vor allen Dingen in Hamburg Spuren hinterlassen, deren Vollbürger er 1682 wurde. Dort war seine Hauptwerkstatt, weitere Filialen gab es in Groningen und Berlin: ein einzigartiges Netzwerk der Kreativität und Produktivität.

Im Laufe seines Lebens baute Schnitger mit seinen Söhnen, Gesellen und Mitarbeitern über 1oo neue Orgeln in ganz Nordeuropa, von denen heute noch zirka dreißig erhalten und bespielbar sind. Zur besonderen Stärke Schnitgers gehörte die Verschmelzung unterschiedlicher Klangfarben. Auch einer begrenzten Anzahl von Registern entlockte er dabei eine überaus große Vielfalt an Klängen aus Einzelstimmen, Kombinationen und Gesamtklängen. Rauschende Mixturen und starke Bässe für den Gemeindegesang wurden zu seinem Markenzeichen.

Berühmt wurde Schnitger für die Orgel in der Hamburger Nikolai-Kirche, die heute leider nicht mehr existiert. Diese war mit 67 Registern und 4.000 Pfeifen damals die wahrscheinlich größte Orgel der Welt und machte ihn schlagartig international bekannt. Schnitger baute Orgeln für Peter den Großen, für Spanien, England und Portugal. Für den Bau von Orgeln im norddeutschen Raum besaß er eine Vielzahl von Exklusivitätsrechten und Privilegien. 1708 wurde er zum Königlich Preußischen Hoforgelbauer ernannt. Schnitger war am Ende seines Lebens eine international bekannte Marke, vielleicht nur noch vergleichbar mit dem Kunst- und Vertriebsgenie eines Albrecht Dürer.

In zwei Jahren ist der 300. Todestag von Arp Schnitger. Er wurde am 28. Juli 1719 in Hamburg-Neuenfelde, seinem letzten Wohnsitz, begraben. Die Arp Schnitger-Gesellschaft mit Sitz in Brake pflegt heute sein Erbe und hat sich zum Ziel gesetzt, dass die UNESCO zum Jubiläum des großen Meisters seine Orgeln als Weltkulturerbe anerkennen. Auch das Musikfest Bremen rührt mit seinem Arp-Schnitger-Festival kräftig die Werbetrommel für dieses Vorhaben.

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Arp Schnitger in Norden

In Ostfriesland rühmen sich im Wesentlichen zwei Orte und Kirchen mit Orgeln aus des großen Meisters Hand: Die Orgel der Ludgeri-Kirche in Norden, die zwischen 1686 und 1692 erbaut wurde, besitzt 46 Register und 3.110 Pfeifen. Sie ist damit die zweitgrößte noch erhaltene Arp Schnitger-Orgel und gleichzeitig die größte historische Orgel Ostfrieslands. Außergewöhnlich ist ihre asymmetrische Konstruktion. Aus akustischen Gründen windet sie sich förmlich um einen Vierungspfeiler, um in den verschiedenen Raumteilen des stark zergliederten Kirchenbaus perfekt zu hören zu sein.

Die zweite Arp Schnitger-Orgel Ostfrieslands befindet sich in der St. Georgs-Kirche in Weener, die von einem der Söhne Arp Schnitgers, Franz Caspar, 1710 gebaut wurde. Dessen Frau stammte aus einer angesehenen und begüterten Familie aus Weener. Es war die erste Arbeit von Schnitger für eine ostfriesische reformierte Kirche, in der die Kanzel den Mittelpunkt bildet und nicht der Altar.

Der zweite große Meister barocker Orgelarchitektur in der Region war wahrscheinlich ein Schüler Arp Schnitgers: Gerhard von Holy, ein waschechter Ostfriese. Er stammte aus Aurich, wo er am 15. September 1687 getauft wurde. Holy wirkte vorwiegend in Ostfriesland und später dann auch in Westfalen, wo er am 3. Juni 1736 in Remscheid starb. Auch von ihm gibt es kein Bild, dafür aber zwei beeindruckende Orgeln aus seiner Hand, die bis in die heutigen Tage erhalten geblieben sind.

Eine davon ist die St. Bartolomäus-Kirche im ehemaligen Häuptlingssitz Dornum. Der Backsteinbau wurde bereits im 13. Jahrhundert auf einer Warft errichtet. Ihre reiche Ausstattung verdankt die kleine Kirche der Herrscherfamilie von Closter, die 1711 auch den Bau des Instrumentes bei Holy in Auftrag gab. Der setzte mit 32 Registern und 1.770 Pfeifen seinem adligen Auftraggeber dann eine der größten Barockorgeln Ostfrieslands in den kleinen, fast schon intim-familiären Sakralraum der Dornumer Kirche. Alljährlich reizen Organisten aus aller Welt bei den Internationalen Sommerkonzerten die unglaubliche Spannweite und Klangtiefe dieser einmaligen „Dorforgel“ aus.

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Holy in Marienhafe

Holy hatte zu dieser Zeit das Bauprivilieg für das Harlingerland und seine Werkstatt daher in Esens bezogen. Doch seine nächste Vorzeigeorgel errichtete er 1714 an ganz anderer Stelle: in Marienhafe, dem Zufluchtsort des berühmten Klaus Störtebeker im Westen der ostfriesischen Halbinsel. Die prachtvolle Orgel Holys ist dort mindestens genauso berühmt wie der Pirat und befindet sich am gleichen Ort, an dem der Verfolgte einst seinen Unterschlupf fand. Während Störtebeker im Turm der gewaltigen Marienkirche residierte, nahm die Holy-Orgel ihren Platz im Kirchenraum des ehemals größten Sakralbaus zwischen Groningen und Bremen ein. Dort entfaltet sie bis heute ihren Klang und ihre Schönheit.

Schnitger und Holy sind sicherlich die berühmtesten Namen der vielen Orgelbau-Künstler, die Ostfriesland zu einer der reichsten Orgellandschaften der Erde gemacht haben. Das ORGANEUM in Weener veranstaltet im April, Mai und Juni 2017 Exkursionen zu den Instrumenten von einer Reihe vielleicht weniger bekannten, aber nicht weniger kunstfertigen Orgelbaumeistern vergangener Jahrhunderte.

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