Die Königin ist zurück: Renaissance der Orgel

Die neue Elbphilharmonie in Hamburg ist einfach einzigartig. Doch nicht nur der architektonische Wurf ist spektakulär, auch die Orgel ist voller Raffinessen: Einmalig in der Welt dürften die schwebenden Orgelpfeifen sein, die sich aus dem trichterförmigen Reflektor an der Decke in den Großen Saal senken und bei Bedarf himmlische Sphärenklänge verbreiten.

Überhaupt haben die Orgelpfeifen in Hamburg einen ganz besonderen Platz eingenommen: Diese befinden sich nicht etwa auf einer Orgelempore, sondern sind über vier Ebenen direkt in den Zuschauerraum integriert. Denn die Orgel sollte nicht als unnahbare Königin über dem Publikum thronen, sondern ganz volksnah, sogar zum Anfassen, so nah wie möglich beim Zuschauer sein. Hinter manchem Sitz der steilen Weinbergreihen erhebt sich nun direkt eine dicke Orgelpfeife in die Höhe. Trotz aller demokratischen Anliegen der Erbauer, hat die neue Orgel der Elbphilharmonie aber durchaus majestätische Dimensionen: Sie ist über 14 Meter hoch und wiegt rund 25 Tonnen. 4812 Pfeifen aus Zinn und 200 Jahre altem Eichenholz, verteilt über 69 Register, können von zwei Spieltischen aus zum Klingen gebracht werden.

Die innovative Orgel der neuen Elbphilharmonie zeigt vor allen Dingen aber eines: Orgeln können ganz schön modern sein. Das kreative Team der altehrwürdigen Bonner Orgelmanufaktur Klais verbindet mit der neuen Orgel im Großen Saal auf kongeniale Weise Tradition und Innovation. Unter Leitung von Philipp Caspar Andreas Kleis, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt, ist eine wahrhaft spektakuläre Orgel entstanden: eine Orgel der Superlative, aber auch eine mit Seele, mit einem Anliegen. Keine, die nur auf oberflächliche Effekte setzt, sondern eine Orgel mit Tiefgang.

Die Königin der Instrumente ist also wieder zurück im öffentlichen Bewußtsein – in einer ungewöhnlich demokratischen Variante. Überhaupt erfährt das alte Kircheninstrument gerade eine Renaissance. Einer, der für besonders frischen Wind sorgt, ist Cameron Carpenter. Der 35jährige Amerikaner gilt als Enfant Terrible der klassischen Orgelszene und pflegt sein exzentrisches Image mit Punkfrisur und Lederklamotten. Beim Spielen arbeitet er sehr viel über das Fußpedal, wirbelt mit selbst entworfenem, hochhackigen Glitzer-Schuhwerk wie ein Stepptänzer, der er in seiner Jugend war, über die Fußtasten. Eine Riesenshow für die Zuschauer. Zur Zeit tourt der Ausnahmekünstler durch die USA, im Mai 2017 tritt er wieder in Deutschland auf, am 15.5.2017 in der Alten Oper Frankfurt.

Dass er ein Künstler ist, den man ernst nehmen muss, zeigen die vielen Auszeichnungen: 2012 wurde er mit dem Leonard Bernstein Award geehrt, 2015 erhielt er den ECHO Klassik als Instrumentalist des Jahres. Cameron Carpenter ist ein virtuoser Organist. Er beherrscht das klassische Orgelrepertoire perfekt. All you need is Bach heißt denn auch ganz traditionell seine aktuelle CD. Doch dahinter verbirgt sich eine kleine Revolution.

Denn sein Instrument hat keine Pfeifen wie üblich, sondern ist ein elektronischer fünfmanualiger Tonerzeuger mit 200 Registern, in denen der Klang mehrerer ganz unterschiedlicher Orgeln gespeichert ist: das International Touring Organ. Mit dieser Sonderanfertigung zieht der Orgel-Superstar seit 2014 durch die Konzertsäle der Welt und bringt mit dem elektronisch nachgebauten Originalklang natürlich sämtliche Traditionalisten gegen sich auf. Eine Kirche braucht Carpenter jedenfalls nicht mehr zum Spielen, seine mobile Orgel lässt sich in sechs Module zerlegt in jeden Konzertsaal, jede Halle transportieren.

Der Welt hatte Carpenter in einem Interview 2014 sein früheres Leid geklagt: „Ich war abhängig – von Kirchen, Gottesdienstzeiten, Schlüsselübergaben, Sympathie. Nie hatte ich ein eigenes Instrument, außer den kastrierten Mini-Dingern zum Üben zu Hause, stets musste ich mich nach anderen richten. Außerdem hatte ich dauernd mit schlecht gepflegten, verklemmten Instrumenten zu kämpfen, die man zwei Tage lang mühsam beim Üben zurecht treten musste.“ Diese Zeiten sind mit seinem International Touring Organ nun endgültig vorbei.

Die Elektronik des Orgel-Tonerzeugers erlaubt, das Instrument allein auf die Wünsche des Organisten zuzuschneiden – unabhängig von den Vorlieben einer Epoche, der Architektur einer Kirche oder eines Saals. Die unauflösliche Verbindung zwischen einem bestimmten Raum und Instrument und seinem Klang besteht nicht mehr. Alles geht immer und überall. Die Zukunft wird weisen, was dieses mit unserer Musikerfahrung macht und vor allen Dingen, wie es unsere Beziehung zur Orgel definiert. Deren Einzigartigkeit besteht ja gerade darin, nicht mobil zu sein und so etwas wie eine eigene, unverrückbare Geschichte beim Spiel auf ihr immer mit zu transportieren.

Auf jeden Fall rücken die neue Orgel der Elbphilharmonie und der Orgel-Popstar Cameron Carpenter die Königin der Instrumente wieder in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit. Vielleicht ist genau jetzt die Zeit reif, auch die klassischen Orgeln in den Kirchen wieder ins Gespräch zu bringen. Vielen ist es gar nicht bewußt, aber Deutschland verfügt über eine der reichsten Orgellandschaften der Welt. Und besonders in Ostfriesland ballen sich die kostbaren historischen Instrumente. In der Vergangenheit gab es seitens der lokalen Politik sogar offizielle Ankündigungen, diesen Schatz gemeinsam mit den benachbarten Holländern bei der UNESCO als Weltkulturerbe einreichen zu wollen. Bei Absichtserklärungen ist es bisher geblieben. Vielleicht kann sich ja der ein oder andere ostfriesische Politiker für diese Idee von 2012 wieder erwärmen? Ist doch schließlich Wahlkampf.

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