An Sylvester war dann für immer Schluss: „Good-bye for ever, over and out“

Eine der legendärsten Küstenfunkstellen verabschiedete sich an Sylvester vor genau 18 Jahren, am 31.12.1998, von der Welt: Norddeich Radio schaltete mit diesem letzten Funkspruch über UKW seinen Sendebetrieb endgültig ab. Damit ging eine Ära zu Ende, die fast hundert Jahre zuvor noch zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II. begonnen hatte. Denn der Regent höchstpersönlich war es, der 1905 den Auftrag zur Errichtung einer Deutschen Küstenfunkstation gab. Dem Gründungsmythos zu Folge war ein Telegramm des Kaisers an seine Frau der Auslöser, das nicht von seinem Schiff mit Telefunken-Sendeanlage via Borkum abgeschickt werden konnte. Denn die Seefunkstelle dort arbeitete mit dem konkurrierenden und von den Briten verbreiteten Marconi-System.

Doch die Wahrheit ist wahrscheinlich nicht ganz so romantisch. Es waren wohl eher die Kriegsschiffe des Deutschen Reiches, die im westlichen Bereich der Deutschen Bucht bis zum Ärmelkanal funktechnisch erreichbar sein sollten und den wesentlichen Ausschlag für die Errichtung der Küstenfunkstation gab. Ein Standort in der Nähe des kleinen Hafens Norddeich am nordwestlichsten Festlandzipfel Deutschlands wurde als der ideale Platz für die neue nationale Küstenfunkstelle ausgewählt – auch aufgrund der hohen Bodenleitfähigkeit der feuchten Marsch und damit guter Erdung. Nach vielen Tests nahm Norddeich Radio am 1. Juni 2007 den allgemeinen öffentlichen Seefunkverkehr in Deutschland auf. Das erste Rufzeichen der neuen Station lautete KND für Küstenfunkstelle Norddeich.

Norddeich Radio war von Anfang an bekannt für seine enorme Reichweite. Bereits 1907 waren die Nachrichten schon in mehr als 2200 Kilometern Entfernung zu vernehmen. Die Telegramme wurden in den Gründerjahren ausschließlich per Morsezeichen übermittelt – mit einem ohrenbetäubenden Lärm. Denn das geschah über so genannte Knallfunken-Sender, die trotz dicker Filzplatten und schwerer Doppeltüren des Sendegebäudes noch im Freien kilometerweit zu hören waren.

Die Morsetelegrafie mit ihren zwei Signalen aus kurz oder lang galt noch bis weit in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein als sichere und auch schnelle Kommunikationstechnik. Verwendet wurde das internationale Morsealphabet, bei dem es keine deutschen Sonderzeichen wie ö, ä, ü oder ein ß gibt. Der Austausch der Morsezeichen erfolgte mit der Hand über eine so genannte Morsetaste, die dann in lesbaren Text zu Papier gebracht wurden. Gute Funker brachten es auf 120 Zeichen in der Minute. Erst Ende 1995 wurde die Morsetelegrafie bei Norddeich Radio komplett abgeschaltet. Mit Einzug der Satellitentechnik entfiel die Notwendigkeit eines Funkers an Bord von Schiffen und damit auch für die Küstenfunkstellen die Grundlage, diesen Dienst weiter aufrechtzuerhalten. Funker werden heute nicht mehr ausgebildet. Für hundert Jahre aber waren sie die zentralen Figuren in der Nachrichtenübermittlung auf See und an Land.

Bereits früh ging man bei Norddeich Radio dazu über neben den Telegrammen auch Wetternachrichten, insbesondere Sturmwarnungen, als Services an die Schiffe auf See auszustrahlen. Schnell kam auch ein regelmäßiger Pressespiegel hinzu, der bereits 1913 in 5000 Kilometer Entfernung zu empfangen war. Als kleinen hausinternen Extra-Service „unter Kollegen“ lieferte man zu späteren Zeiten sogar die aktuellen Lottozahlen aus Deutschland. In der Hauptsache verschickte Norddeich Radio Telegramme zwischen dem Reeder und seinen Schiffen. In Kriegszeiten kam der zivile Seefunkverkehr immer vollends zum Erliegen, dann wurden nur noch militärische Nachrichten übermittelt.

Nach Ende des ersten Weltkrieges begann eine neue Zeit mit neuer Technik, höheren Antennen und leistungsstärkeren Röhrensendern sowie den ersten Versuchen mit drahtloser Telefonie, dem sogenannten Sprechfunk. Bereits 1929 wurde ein erster Kurzwellensender für den internationalen Funkverkehr eingebaut. In den dreißiger Jahren sah man sich auch veranlasst für den reibungslosen Betrieb die Sende- und Empfangseinheiten voneinander zu trennen. Schließlich fanden die Empfangsstation und die Betriebszentrale am 8. Dezember 1931 fünf Kilometer entfernt am westlichen Rand von Norden, in Utlandshörn, in strahlungsarmer Umgebung ein neues Zuhause.

Auch wenn sich die Sendestation noch in Norddeich befand, war Norddeich Radio also bereits in den 30er Jahren mit wesentlichen Betriebsteilen nicht mehr direkt an seinem namensgebenden Ort beheimatet. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verlegte man dann auch noch die Sendetechnik von Norddeich an einen anderen Standort, nach Osterloog, nordöstlich von Norden. Im November 1970 wurde nach 63jährigem Betrieb der letzte Sender im Ort Norddeich abgeschaltet.

Zu den grundlegenden Aufgaben der Küstenfunkstelle Norddeich Radio gehörte der allgemeine Seefunkdienst, womit im Wesentlichen das Vermitteln von Nachrichten als Funktelegramm, Funkgespräch oder Funkfernschreiben für die nationale und internationale Schifffahrt gemeint ist. Eine der wichtigsten Funktionen von Norddeich Radio war zudem, die Sicherheit für menschliches Leben auf See zu erhöhen. Dazu gehörte das Beobachten der internationalen Seenotfrequenzen, die Standortermittlung durch Funkpeilung sowie die Hilfestellung in konkreten Notfallsituationen. Neben meteorologischen und nautischen Auskunftsdiensten ermöglichten die Seefunker sogar einen funkärztlichen Beratungsdienst, der quasi per Ferndiagnose auf den Schiffen bei der Behandlung erkrankter Seeleute half, denn die hatten in aller Regel keinen eigenen Arzt an Bord.

Schon in Zeiten der Funktelegrafie war ein kleiner Teil des Funkverkehrs zu den Schiffen auch privater Natur, wurden – meist sehr kostspielige – Funktelegramme zu den Ehemännern, Vätern und Verwandten auf hoher See geschickt. Die Sehnsucht, die damals so unfassbare Ferne und die Einmaligkeit des Kontaktes zu den Lieben auf See war dann auch der Treibstoff für eine Radiosendung des Norddeutschen Rundfunks (NDR), die Norddeich Radio in die Wohnzimmer der jungen Bundesrepublik brachte und für den ungeheuren Bekanntheitsgrad der Küstenfunkstelle in Ostfriesland sorgte: Gruß an Bord – so hieß der Klassiker, der seit 1953 jeden Heiligabend ausgestrahlt und für eine ganze Generation zum festen Programm an Weihnachten wurde. Bis heute übermittelt der NDR an Heiligabend Nachrichten an Seeleute auf allen Ozeanen und die Grüße der Schiffsbesatzungen in ihre Heimat. Damit gehört die Sendung Gruß an Bord zu den ältesten, die auf der Welt noch ausgestrahlt werden.

Doch Norddeich Radio ist heute nicht mehr beteiligt an der Produktion. Das war lange anders. Erst durch die Funker an der Küste war die Sendung überhaupt möglich. Noch heute wird Norddeich Radio gerne gleichgesetzt mit einem Radiosender, der er nie war. Radio Norddeich hat es nie gegeben. Bereits im Sommer begannen damals die Vorbereitungen für den Weihnachtsklassiker, der zu großen Teilen vorproduziert war. Zunächst wurden die eingehenden Bitten und Briefe der Familien gesammelt, dann koordinierte man gemeinsam mit dem NDR akribisch den Fahrplan der Sendung.

Fritz Deiters, lange Jahre für die Öffentlichkeitsarbeit von Norddeich Radio zuständig, erinnert sich: „Es war immer wichtig, dass die Schiffe, die zu Weihnachten angefunkt wurden, möglichst weit weg von Deutschland waren. Außerdem sollten sie während der Funkübertragung auf hoher See sein und nicht in einem Hafen vor Anker liegen.“ War das geklärt, kam die Feinabstimmung: „Wir mussten schon früh Kontakt zu den Schiffen aufnehmen und bei den Funkern an Bord ihre Bereitschaft zur Mitarbeit und einer Sonderschicht an Weihnachten einholen.“

Parallel dazu wurden im NDR-Studio in Deutschland die Wünsche, Gedichte und Lieder der Familien aufgenommen und vorproduziert. Alles, was viel Emotionen brachte, wurde gerne genommen: Kinder, die ihren Papa grüßten, weinende Ehefrauen, Liebesschwüre von Verlobten. Das wurde dann alles mit den knisternden Funksprüchen von Übersee gemischt, mit Shanty-Chören und der NDR-Bigband musikalisch untermalt und fertig war eine Sendung, die wie kaum eine andere zu Herzen ging und dabei gleichzeitig die Wunderwelt moderner Technik spürbar machte.

In den goldenen Zeiten arbeiteten bis zu 260 Menschen bei Norddeich Radio und betreuten den Funkverkehr auf allen Weltmeeren. Unter dem Rufzeichen DAN sendete die Station sowohl im Mittel,- Grenz-, Kurzwellen- sowie im UKW-Bereich. Die moderne Satellitentechnik sollte diese Situation jedoch dramatisch beenden. Sie wurde in den 80er Jahren zunehmend zum Konkurrenten für den Kurzwellenfunkdienst und schließlich zum weltweiten Standard. Küstenfunkstellen wurden einfach nicht mehr gebraucht. Das Ende von Norddeich Radio kam in vielen kleinen Schritten, bis es dann an Sylvester 1998 endgültig vorbei war: Hier ist Norddeich Radio, Norddeich Radio. Wir nehmen Abschied. Leben Sie wohl! Over and out.

Heute kann jeder über einen schnellen Klick im Internet Informationen über den internationalen Schiffsverkehr erhalten, die zuvor nur den Spezialisten des Seefunkverkehrs vorbehalten waren: www.marinetraffic.com oder www.shipfinder.co heißen die entsprechenden Adressen. Rettungsrufe für Schiffe in Seenot werden mittlerweile über das Maritime Rettungs-Kooordinierungszentrum (MRCC) der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), den Seenotrettern, in Bremen betreut.

Was ist geblieben von fast hundert Jahren Norddeich Radio außer einem roten Blitz im Wappen des Ortes? Auf dem ursprünglichen Gelände in Norddeich befindet sich schon seit langem ein Campingplatz. Am historischen Standort in Utlandshörn und neben einem letzten verbliebenen Gittermasten als Antennenträger hat sich der in 2001 gegründete Verein Funktechnisches Museum Norddeich Radio mit einem kleinen Museum niedergelassen. Doch dessen Zukunft ist ungewiss. Momentan gibt das Gelände auch Flüchtlingen und der Volkshochschule Unterkunft. In der ehemaligen Sendestation in Osterloog  befindet sich heute eine Dependance der Seehundstation Norddeich, die dort auch ein Museum, das Waloseum, betreibt. Hier gab es bis vor kurzen auch noch verbliebene Funktechnik zu besichtigen. Die Zeiten sind scheinbar vorbei, auf der Website findet sich dazu aktuell jedenfalls keine Information mehr.

Seit dem März 2015 gibt es aber einen neuen Ort, an dem man dem klangvollen Namen Norddeich Radio nachspüren kann: Das Museum Norddeich Radio präsentiert in Norden, in einem historischen Backsteingebäude ganz in der Nähe von Post und Telekom, Technik und Geschichte dieser einmaligen ostfriesischen Institution. Dahinter steht ein Verein aus ehemaligen Mitarbeitern und Freunden von Norddeich Radio. Mit großer Leidenschaft und Spürsinn hat der Verein Geräte aus der Gründerzeit der Funktechnik bis hin zu kompletten Funk-Arbeitsplätzen zusammengetragen. Eine umfangreiche Sammlung präsentiert sich nun hier den Besuchern, ausgesprochene Experten führen sachkundig durch ihr Reich und ihre Vergangenheit. Denn rund 95 Prozent aller Ausstellungsstücke waren bei Norddeich Radio tatsächlich einmal im Betrieb.

Gefunkt wird bei Norddeich Radio übrigens auch wieder. Allerdings nicht mehr im kommerziellen Schichtdienst, sondern über Amateurfunk-Frequenzen und dem Klubrufzeichen DL0DAN.

Zwei Dinge sollten die Leser und Leserinnen von Ostfriesland Reloaded auf jeden Fall nach der Lektüre dieses Artikels mitnehmen: Wer etwas über Norddeich Radio erfahren will, der sollte nicht nach Norddeich fahren. Und – sage nie, aber auch niemals Radio Norddeich! Sondern immer nur korrekt: Norddeich Radio.


Das Museum Norddeich Radio befindet sich in der Innenstadt von Norden in der Osterstraße 11 a in einem historischen Backsteingebäude ganz in der Nähe der Fußgängerzone. Es ist direkt über einen kleinen Stichweg (einer Lohne) von der Osterstrasse 11 aus zu erreichen.
Öffnungszeiten:
Dienstag und Freitag 16:00 – 18:00 Uhr,
Samstag 11:00 – 17:00 Uhr
Kontakt: museum@norddeich-radio.de / Telefon: 04931  9 73 30 81
Bildnachweis: Die historischen Aufnahmen für die Titelbilder dieses Artikels stammen von der Webseite von Hans-Jörg Pust, einem ehemaligen Seefunker und langjährigen Mitarbeiter von Norddeich Radio. Ansonsten liegt das Copyright für alle Aufnahmen bei Ostfriesland Reloaded.

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