Herrin der Ringe: Wissenschaft und Wildnis auf Langeoog

Dass Vögel ziehen ist eine noch recht junge Erkenntnis. 1822 fand man einen Storch mit einem Pfeil im Hals – zur großen Überraschung stammte dieser Pfeil aus dem fernen Afrika. Der erste Zugvogel war entdeckt und die Neugier der Wissenschaft geweckt. Der weltweite Vogelzug fasziniert bis heute, nur die Methoden der Markierung und Anylase haben sich verfeinert. Eines der ältesten und bis heute wichtigsten Werkzeuge zum Verständnis des Phänomens ist die Beringung der Vögel. Sie geht zurück auf den Dänen Mortensen, der 1899 zum ersten Mal begann für wissenschaftliche Zwecke Vögel zu beringen. Mit Erfolg. In Deutschland fand 1903 die erste wissenschaftliche Beringung statt. 1910 wurde die Vogelwarte Helgoland eröffnet. Sie firmiert heute unter dem Namen Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ und hat seit 1947 ihren Sitz in Wilhelmshaven.

Das Institut für Vogelforschung (IfV) ist auch die Beringungszentrale für den gesamten nordwestdeutschen Raum und damit für die Bundesländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Hessen.  Bis heute hat das IfV insgesamt rund 9 Millionen Vögel beringt. 200.000 dieser Ringe sind wiedergefunden worden. Eine der Wissenschaftlerinnen an der Beringungszentrale des IfV ist die Diplom-Biologin  Heike Wemhoff-de Groot, die sich besonders gut auf Langeoog auskennt. Mit ihr per Fahrrad auf der Insel unterwegs, fühlt man sich schnell wie ein Blindfisch. Mit Adleraugen erspäht sie jedes noch so unbekannte Flugobjekt, hat flugs den Namen parat und weiß sofort, ob es ein Männchen oder Weibchen ist. Da kann der Laie nur noch staunen.

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Vor allen Dingen ist die sehtüchtige Dame jedoch eine professionelle Beringerin. Sie und ihre Kollegen und die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter vom IfV befestigen jährlich an etwa 100.000 Vögeln Helgoland-Ringe, etwa 15.000 Funde werden pro Jahr damit gemacht. Denn das ist das eigentliche Ziel einer jeglichen Beringung, den Ring und damit den Vogel wiederzusehen oder -zufinden und damit Rückschlüsse auf sein Leben zu ziehen. Denn hinter jedem Vogel steckt ein Mensch, pardon, eine tierische Persönlichkeit. Die Biologie der Lebensgeschichte ist neben der klassischen Vogelzugforschung ein Schwerpunkt des Instituts in Wilhelmshaven.

Und es gibt ganz spannende Lebensgeschichten von Vögeln zu berichten: Einer der ältesten beringten Vögel ist ein Schwarzschnabel-Sturmtaucher. Er wurde 1957 als Jungtier in Großbritannien beringt und immer wieder kontrolliert, 1961, 1978 und zuletzt 2002. Mit etwa 52 Jahren ist er nachgewiesen ein absoluter Senior seiner Art. Ein absoluter Langstreckenflieger war dagegen eine Flußseeschwalbe, die Ende Juni 2003 in Schweden beringt und Anfang Dezember des gleichen Jahres in Neuseeland gefunden wurde. Rund 25.000 geflogene Kilometer dürften wohl dazwischen gelegen haben. Ohne ihre individuelle Markierung könnten die beiden besonderen Vögel uns dieses nicht berichten. Beringt wird meistens das Bein, aber auch der Hals oder der Flügel. Durch unterschiedliche Farbgebungen können weitere Hinweise gegeben werden, die aus der Entfernung abzulesen sind.

storchenbein-helgolandAuch in Zeiten von Satellitentelemetrie und funkenden Chips bleibt die klassische Beringung unverzichtbar. Sie ist auch für kleinere Vögel geeignet, nicht so teuer und so technisch aufwendig wie die Funktechnik. Unersetzlich ist sie, wenn man die Sterblichkeit einzelner Vögel untersuchen will oder die Altersstruktur von Vogelpopulatonen. Dazu benötigt man Daten auf indivueller Ebene, die nur Beringungen liefern können. Demographischer Wandel (die Altersstruktur einer Population ändert sich), Migration (die Wanderung zur Verbesserung der Überlebenschancen) und Klimawandel (Trend zur Überwinterung in nördlicheren Breiten) sind alles Begriffe, die im Zusammenhang mit der Vogel- und Vogelzugforschung fallen. Verblüffende Parallelen zu unserer Menschenwelt tun sich da auf.

Vögel kennen keine Grenzen und so hat sich auch die Vogelforschung international organisiert, um die national gesammelten Daten an zentraler Stelle zusammenzuführen: EURING heisst diese Organisation mit Sitz beim British Trust for Ornithology in Thetford. In Zeiten von Brexit stellt sich hier unwillkürlich die Zukunftsfrage… In Deutschland sind gleich drei Beringungszentralen zuständig, was vor allen Dingen historische Gründe hat. Neben der Vogelwarte Helgoland am IfV in Wilhelmshaven ist für den östlichen Raum die Beringungszentrale Hiddensee zuständig und für den südwestlichen Teil die Vogelwarte Radolfzell. In Europa wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts insgesamt etwa 115 Millionen Vögel beringt.

Wie Dr. Susanne Homma, Vorsitzende von ProRing e.V., einem Verein zur Unterstützung der wissenschaftlichen Vogelberingung, in einem Vortrag auf dem Zugvogelfest in Hornumersiel erläuterte, werden mittlerweile die meisten Ringe, nämlich 48 Prozent, von frei lebenden Vögeln abgelesen. 46 Prozent aller Ringfunde stammen von absichtlich gefangenen Tieren und nur 5 Prozent der Funde kommen von tot aufgefundenen Tieren. Wer einen toten Vogel mit Ring findet, sollte dies sofort der Beringungszentrale melden. Dazu braucht man nicht gleich ein totes Vogelbein nach Wilhelmshaven senden, auch wenn das laut Heike Wemhoff-de Groot durchaus häufiger vorkommt. Wissenschaftliche Ringe sind meistens aus Metall und lassen sich immer an einer Fuge öffnen. Dann kann man den Ring vom Bein oder Hals lösen und klopft ihn platt zu einem Streifen. Diesen schickt man mit Angaben zu Datum und Ort an die Beringungszentrale. Wichtig ist natürlich auch, die Informationen auf dem Ring nochmals zu notieren und zu vermerken, ob das Tier beim Fund des Rings lebendig oder tot war. Am besten lädt man sich ein Meldeformular vom IfV herunter. Dann kann nichts mehr schief gehen.

Ein wichtiges Kapitel bei der Beringung von Vögeln nimmt das Fangen ein. Dazu werden feine Japannetze benutzt oder große Reusen, in die die Vögel getrieben werden. Einmal gefangen, wird die Beringung kontrolliert und gegebenfalls erstmals beringt. Je jünger das Federvieh dabei ist, umso besser für die Daten und die spätere Auswertung. Am besten noch im Nest. Denn Vögel haben keine Falten, ihr Alter lässt sich kaum schätzen. Ob 10 Jahre oder vierzig macht äußerlich kaum einen Unterschied. Beim Fangen und Beringen gehen die Forscher und ihre Teams äußerst behutsam vor, damit das Tier möglichst wenig merkt. Denn in Freiheit sind sie auch Heike Wemhoff-de Groot am liebsten, wie zum Beispiel die großen Löffler mit ihrem breiten Schnabel, die auf Langeoog in freier Wildbahn zu bestaunen waren.

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Ein Kommentar zu „Herrin der Ringe: Wissenschaft und Wildnis auf Langeoog

  1. Das wußte ich gar nicht, dass es das schon so lange gibt und es soviele Beringungen gibt! Toll diese Fakten, udn wunderbar, auch die zwie engagierten Vogel-Frauen und ihre Arbeit und Fähigkeiten vorgestellt zu bekommen!

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