Der schöne Schein des alten Adels oder Aurich leuchtet

 

 

Illuminationen sind nicht eine Erfindung unserer Zeit. Wenn Tido Graf zu Inn- und Knyphausen heute zur Illumina in seinen Schlosspark nach Lütetsburg lädt, dann setzt er im modernen Gewand eines Open-Air-Events auf alte Traditionen höfischer Kultur. Denn der Adel tauchte zu besonderen Anlässen seinen Besitz gerne in funkelndes Licht: „Die Illumination sind gewisse nach den Regeln der Baukunst und Perspective ausgesonnene Stellungen der Leuchter, Lampen und Fackeln.“ So steht es geschrieben in der Einleitung zur Ceremoniell-Wissenschaft der grossen Herren, die ein gewisser Julius Bernhard von Rohr 1733 herausgegeben hat. Illuminationen sollten die Wirkung einer höfischen Lustbarkeit noch erhöhen. Sie kamen im 18. Jahrhundert groß in Mode. Ein Trend, der auch an der Residenzstadt Aurich nicht vorbeiging.

Zu dieser Zeit herrschten die Cirksenas als Fürsten über Ostfriesland. Der Auricher Schlossbezirk war noch im ursprünglichen Zustand: In der Mitte befand sich die sogenannte Averborg, eine dreigeschossige Viereckanlage auf einem quadratischen Grundriss mit mächtigen Ecktürmen. Die zentrale Burg war von einem hohen Wall und insgesamt drei Gräben umgeben. Es gab auch einen barocken Lustgarten, die Julianenburg, eine Fasanerie, eine Orangerie und sogar eine eigene Reitbahn.

Es ist nicht mehr viel übrig geblieben von der prächtigen und weitläufigen Schlossanlage. Heute steht noch der Marstall, ein langgestrecktes Gebäude mit Arkaden. In dem einstigen Pferdestall sitzt unter anderem die Oberfinanzdirektion von Niedersachsen. Im 18. Jahrhundert residierten in der feudalen Anlage jedoch Fürst Georg Albrecht von Ostfriesland nebst seiner Gattin Sophie Karoline. Wie man damals am Hof lebte, betete und feierte, das lässt sich ganz wunderbar in einem Buch von Martin Jhering über das Hofleben in Ostfriesland nachlesen.

Zu Ehren von Sophie Karoline wurde im Jahre 1728 im Auricher Schloss eine grosse Geburtstagsparty geschmissen, wie man wohl heute sagen würde. Am 31. März wurde die Fürstin aus Brandenburg-Kulmbach, die bereits mit 18 Jahren nach Ostfriesland heiratete, 23 Jahre alt. Da der Fürst erkrankt war, wurde erst ein paar Tage später gefeiert: Am 10. April begann schließlich die Feier, die zwei Tage dauern sollte. Dabei verlief die Festlichkeit in den Bahnen einer streng gesetzten Etikette innerhalb derer sich die ganze Pracht des Hofes entfalten sollte: „Sie war Selbstdarstellung der höfischen Gesellschaft in einer illusionären Scheinform der höfischen Lebensgestaltung“, so beschreibt es Martin Jhering. Der absolutistische Souverän sollte durch die fast überirdische Darstellung des Schönen in seiner Umgebung dem Makel des Gewöhnlichen entrückt werden.

Und was ist schöner als magisch erleuchtete Zimmer im Kerzenschein, funkelnde Leuchter an prächtigen Decken, strahlendes Licht, wo sonst nur Dunkelheit herrscht? Hier nochmals der eingangs erwähnte Zeremonienmeister Julius Bernhard von Rohr: „Fallen Galla-Tage bey Hofe ein, so wird bey denselben Solennitäten die Pracht der Meublen noch weit mehr vergrößert, da zeigen sich allenthalben, sonderlich aber in den Paradezimmern, goldene und silberne Pretiositäten, an Tischen, Spiegeln,… , Cronleuchtern, Wandleuchtern ü.s.f.“

In größter Galla wurde das Geburtstagsfest der ostfriesischen Fürstin abgehalten. Nach einem umfangreichen Tagesprogramm begab sich das Fürstenpaar um halb acht Uhr zum Festdiner in den großen Schloßsaal. Die gesamte engere höfische Gesellschaft Aurichs, 40 Personen waren gesetzt, versammelten sich um die Haupttafel mit den Regenten. Ganz im Stil der Zeit war als Tischdekoration auf der Tafel eine Art französischer Garten en miniature nachgebildet. Köstliche Früchte und Süßigkeiten zum Naschen waren zu einem breiten Wall aufgeschichtet, der sich um den Garten auf der Tischdecke zog. Selbst sprudelnde Tischbrunnen durften nicht fehlen und belustigten die Gäste.

Das Besondere an dem Festdiner in Aurich war jedoch die Illumination, die an den Fenstern des Saales aufgehängt war. Dabei handelte es sich um zwölf oval geformte und eigens angeleuchtete Kartuschen, die Motive und Sinnspüche aus Natur und Kosmos zeigten: eine sogenannte Emblematische Illumination. Sonne, Mond, Bäume und Weinstöcke wurden gerne als Motive für die beleuchteten Hintergrundinszenierungen genommen. So auch beim Auricher Fest. Man war auf der Höhe der Zeit. Beispielsweise wurde 1724 zum Geburtstag des englischen Königs Georg I. im Hamburger Theater eine Illumination mit Emblemen aufgeführt. Auch von den Illuminationen des Wiener Hofes ließ man sich in Aurich inspirieren.

Ein weiterer Höhepunkt der Geburtstagsfestlichkeiten war das Scheibenschießen bei nächtlicher Kerzenillumination. Dazu öffnete man im Schloss weit ein Fenster und die Gesellschaft blickte auf einen beleuchteten Garten, dessen „gantze Gegend wohl beleuchtet“ war. Drei Scheiben waren als Ziele für die Schützen gestellt. Von diesen Scheiben liefen über den Schlossgraben hinweg „gegen das Zimmer zu bey 200 Lampen in dreyfacher Reihe gesetzt“. Das Schießen übernahmen ausschließlich die galanten Herren. Die gewonnenen Trophäen überreichte man(n) der holden Damenwelt. Der erste Preis ging – wer hätte es gedacht – an das Geburtstagskind Sophie Karoline.

Für das nächtliche Geburtstagsschießen hatte man sich aber noch etwas ganz Einmaliges ausgedacht: In der Mitte der Scheiben befand sich ein Nagel, der bei jedem Treffer Raketen, Böller und Feuerwerkskörper, die auf einer speziellen Feuerwerksarchitektur im Garten installiert waren, zum Starten brachte. Martin Jhering beschreibt es noch genauer: „Das pyrotechnische Prinzip dabei war, mit Hilfe von Feuerfontänen die Umrisse der Aufbauten als brennend erscheinen zu lassen. Im Hintergrund des erleuchteten Monogramms (der Fürstin) sowie der Pyramiden, Figuren und Statuen zerstoben gen Himmel Raketen und Schwärmer, über dem Boden kreisten Feuerräder und parterre machten sogenannte Lustkugeln Sprünge.“ Auch ein Wasserfeuerwerk dürfte es gegeben haben, denn von Augenzeugen werden „wasser Katzen“ in einem Tagebuch erwähnt.

Die Kombination des illuminierten Scheibenschießens mit einem Feuerwerk war wohl eine Innovation des ostfriesischen Hofmarschalls in Aurich. Der besaß um 1730 sogar eine Handakte mit „dabei befindlichen Reglements, Verordnungen und Beschreibungen des Feuerwerks und der Illumination.“ Feuerwerke, festliche Lichter und Kerzenflackern faszinieren die Menschen bis heute. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied gegenüber früher. Was einst dem Adel und höchsten Gesellschaftsschichten vorbehalten war, steht heute jedermann gegen Eintritt frei: ein beleuchteter Schlosspark mit Licht- und Klangfantasien wie in Lütetsburg beispielsweise. Wir erleben die Demokratisierung der Illumination.

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